Montag, 26. September 2016

Voyeure des syrischen Schlachtfeldes

Angesichts der aktuellen Nachrichten aus dem Kriegsgebiet in Syrien, muss sich jedem vor Abscheu und Ekel der Magen umdrehen. Egal ob heuchlerisches Argumentieren über die Beteiligung der Bundeswehr oder ergreifende Trauerzüge für gefallene US-Soldaten, das grauenvolle Schauspiel wiederholt sich trotzdem und wieder einmal diskutiert die Welt über Ursache und Wirkung, derweil sich die sich gegenseitig bekämpfenden Terrorbanden im Wüstensand über die neusten Waffenlieferungen aus westlichen Waffenschmieden freuen.




„Wir fühlen uns unseren Lesern und Zuschauern verpflichtet,“ so klingt es aus Journalistenmündern, so authentisch wie möglich aus Krisengebieten und über Killer-Operationen berichten. Wieder einmal sitzt das aufzuklärende Volk gebannt vor heimischen Bildschirmen und erlebt hautnah, wie Berichterstatter ihre Kriegs-Pflicht erfüllen. Bewaffnet mit Kameras, Videogerätschaften und hungrigen Objektiven übermitteln sie uns gestochen scharfe Bilder, unterstützt durch fachkundige Regieanweisungen vor Ort. Wir dürfen mitfiebern, wie Kinder im Sand verrecken, Frauen in Syrien in Stücke gerissen werden oder Krankenhäuser in Mosul oder Aleppo filetiert werden.

Immerhin, zum Sonntagsfrühstück gibt es Toast, Orangenmarmelade und Life-Beschuss in den Frühnachrichten. Grellen Explosionsblitzen folgen dumpfe Detonationen, während der NTV-Reporter vom Hoteldach aus die Einschläge kommentiert. Ein Feuersturm fegt über unser morgendliches Brunch hinweg. Stundenlanges verbissenes Scharmützel und wir sitzen in der ersten Reihe. Schweinebraten und Knödel werden hastig aufgetragen, während die hübsche Tageschausprecherin mit sensationsintonierter Stimme die gelungene Bratensauce mit Blut, Angst und Leid verfeinert. Das Inferno brennender Ruinen garniert den Endiviensalat.

Der schauerliche Tod als Unterhaltungssendung und Quotenrenner begleitet uns ins verdiente Wochenende. Mal sehen, wie die Sache weitergeht. Vielleicht haben wir Glück, und es gibt am Montag die Fortsetzung mit einer französischen Botschaftssprengung oder einem erfolgsversprechenden Attentat auf den Papst.

Schwenk zurück auf den syrischen Widerstandskämpfer, der sich in letzten Krämpfen am Boden windet. Es folgt die Diskussionsrunde mit Politikern und Friedens-Experten. Ernste, sachkundige Physiognomien erklären, der Feind sei Dank einer mit hoher Präzision abgeworfenen Splitterbombe in den Unterleib getroffen und habe geradezu lehrbuchmäßig ins Gras gebissen. Allah al Akba röchelt der Muselmane, kippt kollateral gemeuchelt aus den Sandalen und tut den letzten Atemzug. Stündlich neue Schreckensbilder ermöglichen grausiges Schauern auf dem kuscheligen Sofa. Siegerposen beim Gegner, derweil unsere Kinder am Marsriegel kauen und das Massensterben wie ein Computerspiel verfolgen.

Wie war das doch gleich in Libyen und dem Irak? Interviews vor Ruinenkulissen. Der Fernsehteilnehmer hat Anspruch darauf, das ganze Ausmaß der Zerstörungskraft einer Rakete zu würdigen, derweil Opa in der Abendzeitung liest, dass Procter & Gamble den Lieferwettbewerb für die Soldaten über 350.000 Rollen Klopapier gewonnen hat und Pepsi mit einer Schiffsladung eisgekühlter Getränke die Soldaten sponsert. Medialer Voyeurismus kennt keine Grenzen. 

Es wird abgelichtet, festgehalten und dokumentiert, was das Zeug hält. Blut, Tränen, Angstschreie, operettenhaft inszeniert, Gefangene, Verwundete und Fliehende in Großaufnahme, verängstigt, verunsichert und taufrisch auf deutsche Bildschirme. Leichtfüßig wird die blutige Berichts-Ethik auf die gleiche schamlose Art überwunden, wie die Russen und Amerikaner Menschenrechte verletzen. Die besten Einschaltquoten haben Sender, in denen am meisten gelitten, gestorben und verwüstet wird.

Wem nützen solche Bilder? Haben sie noch etwas mit Aufklärung zu tun? Sollen sie gar der Abschreckung dienen? Soldaten, den Joystick in der Hand, löschen mit chirurgischer Präzision Leben aus und legen ganze Stadtteile in Schutt und Asche. Gameboy für Erwachsene. Gleich darauf unterbricht uns der Pausenfüller. Werbung für unverwüstliche Fönwellen, Feuchtigkeitscremes und Schoko-Sahne-Pralinen. Dann folgen Statements der Redaktionen, bevor wieder zum Schlachtfeld umgeschaltet wird. Fehlt nur, dass einer der Weizenbierhersteller den Abschuss des syrischen Massenmörders Assat mit dem Slogan ankündigt: „Diese Sendung wurde ihnen präsentiert von der Schöfferhofer Weizen. Es hat so schön geprickelt...!“ oder „Gleich haben Sie wieder bessere Sicht – mit Warsteiner!“

Niemand will Krieg, hört man allenthalben, und wenn er schon nicht zu vermeiden ist, dann soll er möglichst schnell beendet werden. Vernichtet wird im Namen der Menschlichkeit. Lippenbekenntnisse? Einhellige Meinung? Nein, es ist zum Kotzen, wenn man die unblutigen Wortgefechte zwischen Russland und den USA verfolgt, in denen jeder dem anderen die Welt erklärt. Gegenseitige Schuldzuweisungen haben Hochkonjunktur und treiben uns gefährlich nah an einen dritten Weltkrieg heran. Und alle sehen zu. Kampfhandlungen werden mit Begriffen wie: Präzise Operation, defensiver Erstschlag, chirurgischer Eingriff oder störungsarmer Geländegewinn verharmlost. Mir stockt der Atem bei solchen Wortschöpfungen. Und im Falle Syrien? Mir scheint, da sieht man lieber dem Meuchelmord Tausender von Syrern zu, als die eigene Wirtschafts- und Politinteressen zu gefährden. Allen voran die USA.

Aber egal, wie sich alles weiterentwickeln wird, Fernsehanstalten sind längst zu Selbstzweckeinrichtungen mutiert und richten ihre Aufmerksamkeit mit erbarmungsloser Penetranz auf das Kriegsgeschehen, wohl wissend, dass auf beiden Seiten der Kriegsgegner gelogen wird. Schließlich will der Zuschauer zu Hause unterhalten werden. Und stets schwingt die Frage der Fernsehmacher über den Köpfen der Redakteure: Sind unsere Berichte spannend genug und lassen sie sich noch steigern? Sicher! Wenn die Fernsehanstalten wüssten, an welcher Stelle des Mittelmeers gerade zweihundert Flüchtlinge absaufen, ließe sich das Gemetzel in Syrien und anderswo mit verzweifelten Hilferufen auf dem Wasser anreichern.

Außer den Präsidenten der USA, Russland, Frankreich, England, der Börsen, der Großkonzerne, der Waffenindustrie und den Fernsehgesellschaften hat niemand Interesse an Kriegen. Verpackt in alternativloses Vokabular dürfte der nächste Einmarsch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Vielleicht in Südkorea. Wie sonst wäre zu erklären, dass rund um die Uhr über nichts Anderes als über Syrien berichtet wird. Helden sind entweder gesund oder tot. The show must go on. Der Krieg als politische Börsennotierung. Auf Deutschlands Mattscheiben findet Zynismus in Reinkultur statt und die Sender brauchen Sensationen. Was ist schon ein Unwetterschaden im Vergleich zu einer mörderischen Schlacht vor den Toren Aleppos?

Dem Humanisten dreht sich der Magen um, nicht nur wegen der abscheulichen Bilder, zerfetzter Leiber, erschossener Frauen, nicht nur wegen des unsäglichen Leides. Die Scheinheiligkeit der Reportagen, medienwirksam verarbeitet und aufgemotzt, übertrifft jeden Horrorfilm, - und das im Namen staatlich gelenkter, journalistischer Pflichterfüllung. Mir graut vor der Kaltschnäuzigkeit der Kriegsparteien und den Medienmachen ebenso wie vor der Gedankenlosigkeit angeblich zivilisierter TV-Konsumenten.


Montag, 19. September 2016

Paralymics der Volksparteien

Mit großen Gesten und Posen, mit überheblichem Siegeswillen und nassforschen Vorankündigungen gingen in Berlin unsere etablierten Volksparteien in die Startlöcher. Blinde und Taube stürzten sich in den so gefürchteten Mehrkampf. Auch ein paar Amputierte und Lahme waren dabei. Die Mannschaft der zu allem entschlossenen grünen Geistesgnome hatten ebenfalls gemeldet und rechneten sich gute Chancen für einen der vorderen Plätze aus.

DIE SIEGER


Während die Sehbehinderten mit den schwarzen Armbinden beim Hindernislauf im Zick-Zack-Kurs über die Aschenbahn irrten, überhörten die Roten wegen ihres Hörschadens den Startschuss. Immerhin, wenigstens die grüne Truppe mit dem verminderten Denkhorizont erschien mit euphorischer Stimmung zum Rennen, waren sich jedoch nach dem Startschuss nicht einig darüber, in welche Richtung sie rennen sollten. Man hat es ihnen nachgesehen, der olympische Gedanke zählte, derweil Künast und Hofreiter schwach begannen, und dann wegen des herrschenden Gegenwindes schwer abfielen und Federn lassen mussten.

Gut, gut, Rekorde waren von vornherein nicht zu erwarten, zumal unter den angetretenen Athleten sich latente, geistige Bewegungshemmungen zeigten. Bedauernswerte Erschöpfungserscheinungen verhinderten gute Plätze und für einige war das Ziel nur unter Aufbietung aller Kräfte zu erreichen. Freilich, alle Beteiligten begannen hoffnungsvoll, und besonders die schwarze Mannschaft mit ihrem Fahnenträger Frank Henkel waren davon überzeugt, den Sieg wegen des Heimvorteils und unter Zuhilfenahme von Krückstöcken und knackigen Prognosen, im eigenen Stadion davonzutragen.

Eines war dem interessierten Publikum sofort ersichtlich: Die blauen Außenseiter legten ein fulminantes Rennen hin. Zur Überraschung der Zuschauer humpelten sogar ein paar Gelbe durchs Olympiagelände, hatten jedoch mit dem Ausgang des Fünfkampfes wenig zu tun. Allein die Dunkelroten verteidigten aufgrund nur geringer körperlicher und geistiger Gebrechen ihr Vorjahresergebnis und durften sich mit dem vierten Platz belohnen.

Der hauchdünne Sieg des roten Teams löste trotz eines opulenten Rosengebindes keinen Freudentaumel unter den Anhängern aus, aber beim langen Müller – mit anerkennendem Schulterklopfen seitens des dicken Gabriel gewürdigt, machte sich bei den manisch Tauben eine gewisse Zufriedenheit breit. Immerhin, die von Blindheit geschlagenen Schwarzen retteten sich gerade noch auf den zweiten Platz, legten jedoch massiven Protest ein, die Zuschauer hätten den blauen Außenseitern durch unfaire Anfeuerungsrufe einen unzulässigen Vorteil verschafft und deshalb deren Gesamtsieg vermasselt. Im Übrigen waren Dr. Taubers kritische Einwürfe aus der Trainerecke kontraproduktiv und wenig zielführend, obwohl sich seine Recken ziemlich ins Zeug gelegt hatten. Zu schwer lastete die Erwartungshaltung der großen Verbandsvorsitzenden mit ihrem Slogan „Wir schaffen das“ auf der demotivierten Mannschaft.

Die Jury allerdings entschloss sich nachträglich, die Schwarzen Zweitplatzierten für weitere Teilnahmen an sportlichen Wettbewerben wegen übler Nachrede und Diffamierung des Publikums und Beleidigung des Blauen Teams vorläufig auszuschließen.





Montag, 12. September 2016

verkaufte Demokratie oder Wettbewerb der Gauner

Wettbewerb der Gauner oder wie wird man am Politiker...
Wollte ich provozieren, würde ich behaupten, dass eine wertneutrale Demokratie von Nullen beherrscht wird. Die Wirklichkeit ist schlimmer. Demokratie ist ein wirtschaftlich dominierter, politischer Basar, in dem, je nach Farbe und Bedeutung der Partei, eine Karriere seinen Preis hat. Und jeder, der im Basar von Izmir einem durchtriebenen Teppichhändler einen handgeknüpften Hereke günstig abgehandelt hat, ist für eine parteipolitische Karriere bestens gerüstet, auch wenn er beim Kauf desselben beschissen wurde.



Eine Binsenweisheit
Aller Anfang ist schwer und deshalb beginnt auch die Karriere in Parteien ganz unten. Um jedoch in der jeweiligen Vereinsfarbe die politische Karriereleiter zu erklimmen, ist die berüchtigte Ochsentour - also das Hocharbeiten über Kommunal- und Landesebene - immer noch der gängige Weg, so zumindest das offizielle „wording“. Was schert es die Parteispitze, wenn ein engagierter Überzeugungstäter in ihren Reihen aufgenommen wird, der ambitioniert die Zukunft mitgestalten will. Engagement, Bildung oder gar Kompetenz sind kontraproduktiv und eher störend. Hehre Ziele hinderlich. In den Parteien herrscht der gelebte hierarchische Pleonasmus – angesiedelt irgendwo zwischen Infanterie und Kanonenfutter.

Erst mal heißt es Plakate kleben
Man muss eine Menge Kreide fressen, bevor Aussicht auf die Erlangung eines Listenplatzes besteht. Ab dann wird es ernst, denn ab jetzt zeigen sich Fähigkeiten wie Heimtücke, Hinterhältigkeit und Verschlagenheit als ideale Grundlage, um seinen Parteifreund beim Vorwärtskommen zu hindern und um sich selbst in Stellung zu bringen. Doch unethische Attribute und hinterhältiges Mobbing reichen bei weitem nicht, um beim beschwerlichen Sprung in die Landesliste auch einen der oberen Plätze zu erringen. Schon während dieser Zeit werden die Aspiranten fürs Karriere-Trampolin monatlich mit 200 bis 300 Euro zur Kasse gebeten. Und damit die Parteien sich mit dieser Zwangsabgabe nicht in den Fallstricken der Finanzbehörden verheddern, hat das Kind auch einen unverfänglichen Namen: Aktiver Wahlkampfbeitrag. Da nimmt man auch mal ein gefälschtes Abiturzeugnis, einen unzulässigen akademischen Grad oder einen getunten Lebenslauf in Kauf. Eintrittsgelder dagegen sind willkommen. Und wenn so ein schlichter Polit-Parvenu genügend Kollegen und Parteifreunde vor die Wand hat laufen lassen, darf er dabei helfen, das Volk zu regieren. 

Diplomatie schönt die Niedertracht
Hat man sich im Spiel innerparteilicher Täuschungsmanöver und des gegenseitigen Ausbremsens bewiesen und mit seinem „diplomatischen“ Geschick das Sprungbrett in eine gesicherte Rentenzukunft erreicht, wird’s teuer. Dann heißt es, das Sparkonto plündern oder im Zweifelsfall die liquide Verwandtschaft anzupumpen. Um für den Landtag aufgestellt zu werden, werden zwischen 3.000 und 5.000 Euro fällig, gleich welche Partei. Dabei spielt es keine Rolle, ob das angestrebte Ziel in den Landtag gewählt zu werden, auch erwünschten Erfolg hat. Selbst wenn doch, ist im Vergleich zu dem bereits erwähnten Teppichhandel in Izmir der Karriereschritt in den Landtag ein Deal und guten Freunden. Denn mit dem Mandat sind mit einem gewissen Automatismus lukrative Aufsichtsratsmandate verbunden, deren Einkünfte mit mindestens 10% an die Partei dauerhaft zurückgeführt werden müssen. Jeder, der sich für eine Mitgliedschaft in einer Partei interessiert, weiß das. Insofern spielt es auch keine Rolle, wie hoch der Grad eigener Verblödung ist oder welche innere gesellschaftliche oder parteipolitische Haltung man einnimmt. Im Zweifelsfall keine.

Wahlkampf und Steuerhäppchen
Jetzt, da einer der wichtigen Schritte getan ist, will der ehrgeizige Pateizögling auf dem halben Weg zur Glückseligkeit nicht einfach seine Bemühungen einstellen. Verständlicherweise. Die Verlockung hat einen Namen. MDB! Mitglied des Bundestages. Auch diese Mitgliedschaft muss man erwerben. Möglicherweise kann der Aspirant, - ob Genosse oder Christ - sofern er denn auf der Leiter der Listenplätze die Letzte Sprosse erklommen hat, auf die reiche Erbtante zurückgreifen. Ab 15.000 Euro Wahlkampfbeitrag kommt er in den Genuss, in Zukunft mit den großen Hunden pinkeln gehen zu dürfen, auch wenn er das Bein noch nicht so hochheben kann wie ein etablierter Leitwolf. Der nämlich hat bereits seine Lobbyisten, die ihm den Betrag ersetzen. Dem politischen Newcomer dagegen winken mit einer solchen Eintrittskarte stämmige Eichen – genannt Diäten und Rentenansprüche. Massive Aufsichtsratspfosten am Wegesrand nicht mitgerechnet. Deutsche Gerichte haben diese Art von Deals zwar längst verboten. Nutzt aber nichts, denn wer nicht zahlt, wird auch nicht aufgestellt. 

Run auf Rente und Versorgung
7.500 Euro monatliche Zuwendungen winken für Büro für Arbeitsaufwendungen. Dieser Betrag wird als Basis für zukünftige Rentenansprüche einbezogen und sorgt somit für eine sorglose Zukunftsperspektive, egal wie schlicht der neue Politik-Dödel gestrickt ist. Kein deutscher Unternehmer könnte seine Bürokosten für seine Geschäftstätigkeit in die Rentenberechnung einbeziehen. Nun ja, ich kann‘s ja verstehen, ich würde die Investition in meinen Schreibtisch auch gerne verrentet sehen. Was tut man nicht alles für ein Wassergrundstück in bester Lage und eine sichere Zukunft. So dumm kann niemand sein, allerlei Unwägbarkeiten im Zuge seiner Karriere in Kauf zu nehmen, auch wenn es mit eigener politischer Überzeugung nichts mehr zu tun hat.







Dienstag, 6. September 2016

Plasberg und seine strammen Talker

Nun, da hatten sie sich versammelt, die Damen und Herren Politiker. Peter Altmaier, Gesine Schwan, Herfried Münkler, Wolfgang Sobotka und Guido Reil sollten Licht in die dunklen Denkprozesse unserer Kanzlerin bringen. Eines darf man vorab bestätigen. Peter Altmeier ist der einzige der Runde, der sein Amt und den dazu gehörigen Sessel in vollkommener Weise ausfüllt. Mit willfährigem Engagement, mit Zähnen und Klauen und mit seiner ganzen Körperfülle verteidigt er Merkels Regierungspolitik, ohne dabei ein einziges Mal zu berücksichtigen, dass viele Fernsehzuschauer denken und sich entsinnen können, wie die Flüchtlingskrise entstanden ist.



Seine Beisitzerin zur Rechten Gesine Schwan pflichtet lächelnd dem Bundesminister für besondere Aufgaben bei, indem sie trotz akuter Wahrnehmungsstörung und verwirrendem Demokratieverständnis den einen oder anderen idealistischen, zumeist weltfremden Vorschlag beisteuert. Beide stehen in der Diskussionsrunde unter massivem Beschuss des Österreichers Wolfgang Sobotka, der permanent, wie einst der ungläubige Thomas, sichtlich amüsiert seine Finger in die klaffende Wahlwunde legt. Mit Recht, denn er liegt mit seinen Darstellungen punktgenau richtig.

Den SPD-Abtrünnigen AFD-Politiker Guido Reil lässt Plasberg nur zwei Mal zu Wort kommen. Sicher ist sicher, denn die Zündschnur brennt. Er ist einer der letzten Bergmänner im Ruhrpott, Gewerkschafter und Betriebsrat und kennt die Realität. Zu klar, zu deutlich und zu überzeugend und ehrlich sind seine Argumente, die wiederum von Schwan und Altmeier mit hämischer Überlegenheits-Attitüde quittiert werden. Da redet jemand aus dem Pott Klartext über Gefühle, Zukunftsängste, Wut und Enttäuschungen in seinem Wahlkreis, redet über sexuelle Übergriffe und schwer bewachten Supermärkten. Er weist auf massive soziale Veränderungen in seinem Umfeld hin, die die Bürger unseres Landes schon lange nicht mehr hinnehmen wollen.

Deutschlands Flüchtlingskoordinator Altmaier stammelt genervt etwas von "unverantwortlicher Propaganda". Die Vertreterin der SPD Gesine Schwan entblödet sich mit dem Gegenargument: Die meisten sexuellen Übergriffe geschähen in den deutschen Familien. In diesem Augenblick tritt bei mir eine reflexartige Reaktion ein. Wer nur hat diesen unseligen Schwan eingeladen?

Nein, unsere Kanzlerin hat die Bürger nicht überfordert. Sie hat mit unübertrefflichem Starrsinn und maximaler Verbohrtheit eine Politik der Humanität durchgesetzt und nicht mit analytischer Weitsicht, die zuallererst einmal die eigenen Menschen im Staat im Fokus haben müsste. Sie hat nun den Bürgern klar gemacht, weshalb der Bürger überhaupt „Bürger“ genannt wird. Er nämlich "bürgt" für den Politwahnsinn. Er bürgt auch für die Staatsschulden. Er bürgt selbstredend für die hanebüchene Kurzsichtigkeit der Politiker (die er übrigens selber gewählt hat). Er bürgt für all jene Staatsschmarotzer und Versorgungs-Parasiten, die die SPD, CDU und Grüne vorsätzlich, leichtfertig oder in gutem Glauben ins Land geholt haben. Dazu passt die Nachricht, dass die Sozialleistungen für Hartz-IV-Empfänger innerhalb eines einzigen Jahres um 162% gestiegen sind und bis Ende dieses Jahres die Marke von 220% wahrscheinlich übersteigen wird.


Montag, 5. September 2016

Die bösen Wähler aus Mecklenburg

Mecklenburg-Vorpommern hat gewählt. Und wie…! Es mutet den Fernsehkonsumenten wie eine Satire an, wenn sich der Spitzenkandidat der CDU das Ergebnis schönredet und im nächsten Atemzug mit überheblichem Timbre in der Stimmlage dem Protestvotum auf Dauer keine Chance gibt. Noch irrwitziger wurde es, als die ARD die Kandidaten der etablierten Parteien zur ersten Stellungnahme bat. Um den Tisch hatten sich die Vertreter der SPD, CDU, Linke und Grüne versammelt. Den AFD-Politiker fehlte. Man hatte ihn erst gar hinzu gebeten, obwohl er die zweitstärkste Kraft in Mecklenburg-Vorpommern repräsentiert. Da stellt man sich sofort die Frage: Was hatten die Grünen dabei zu suchen, die nicht einmal die 5%-Hürde übersprungen haben?  Was läuft da eigentlich? Handelt es sich um eine spezielle Medien-Demokratie? Bestimmt die ARD, wie und mit welchen Beteiligten Politik dem Bürger vermittelt werden darf? Nun ja, es ist eben ziemlich ärgerlich, wenn Wähler nicht so wollen wie die CDU es will.



Richtig ulkig war Lorenz Caffiers Wahl-Kommentar. Rhetorische Selbstbefriedigung auf höchstem Niveau. Im Brustton maximaler Überzeugungskraft behauptete er, 80% der Wähler hätten festgestellt, dass die Koalition in der Vergangenheit einen guten Job gemacht hätte. Alle Wetter! Wie kommt er denn angesichts des desaströsen Wahlergebnisses auf diese verwegene Zahl? Oder hat er ein kleines Späßchen gemacht? Zieht man die 40% Nichtwähler, die 30% SPD-Wähler und die 13% Linkswähler von der theoretischen Gesamtzahl der Wähler ab, verbleiben nicht einmal 17%, die möglicherweise mit der CDU zufrieden sein könnten. Ich könnte mir vor Vergnügen auf die Schenkel klopfen, welch abenteuerliche Pirouetten unsere Vorzeige-Politiker vollziehen, wenn es um die Interpretation der Wahlergebnisse geht. Keine noch so absurde Deutung des Wählerverhaltens wird ausgelassen und mit getragener Mimik und seriösem Unterton vorgetragen. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Grün-Schwarz-Rot-Konsorten glauben, dass Mecklenburg-Vorpommerns Wähler allesamt rechtsradikale und renitente Bauern sind, von denen nichts anderes als dumpfer Protest zu erwarten war.

Es ist, wie es ist, Angela Merkel und die CDU hat im eigenen Wahlkreis eine schallende Ohrfeige erhalten. Mehr noch, sie hat sich lächerlich gemacht. Obwohl alle Parteien die AFD nach besten Kräften als Rechtspopulisten bezeichnete, ihre Äußerungen unsachlich analysiert, sie lächerlich gemacht, sie diffamiert oder ignoriert hat, konnten sie aus dem Stand knapp 21 % einfahren. Schon die Tatsache, dass selbst schlimmste Verunglimpfungen und Beschimpfungen viele Wähler nicht davon abhalten konnten, die AFD zu wählen und damit die CDU auf Platz 3 zu verweisen, sollte den Regierenden zu denken geben, sofern man das, was in jenen Köpfen vorgeht, überhaupt als Denken bezeichnen kann.

Im März, nachdem die Wahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt den Christdemokraten schon ein lausiges Ergebnis geliefert hatten, wagt in der CDU noch niemand von Bedeutung, einmal öffentlich ein paar grundsätzliche Fragen zu Merkel und ihrer Politik zu stellen, insbesondere ihrer Flüchtlingspolitik, sowie den Auswirkungen auf die Ergebnisse der eigenen Partei.

Wie es scheint, will oder kann keiner der Polit-Eliten begreifen, dass das Flüchtlingsproblem eng mit den Problemen der Renten und des Sozialsystems verknüpft ist und dass genau hieraus Ängste, Sorgen, Protest, sogar Wut entstehen. Niemand dieser pensionsberechtigten Polit-Hasardeure reflektiert öffentlich darüber, dass man dem Wähler ausgewogene Politik und engagierte Arbeit bieten muss, wenn man bestehen will. Merkels starrköpfiger Umgang mit der Flüchtlingskrise war für viele Wähler zu naiv. Wie sie mit dieser Quittung umgehen wird, bleibt abzuwarten.