Mittwoch, 25. Januar 2017

Koitus interruptus der SPD

Siggi, der Beleibte hat nicht etwa entschieden, sondern er hat auf Druck der Basis aufgegeben. Es hat sich angekündigt, zumal mit ihm kein Staat mehr zu machen war. Wie die noch unberührte Jungfrau hat er sich monatelang geziert, wenn man ihm die Fragen stellte, wann er denn endlich Farbe bekennen will. Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca sagte vor knapp 2000 Jahren bereits: „ut desint vires tamen est – laudanda voluntas“ – und meinte damit: „wenn auch die Kräfte fehlen, dennoch ist der Wille zu loben“, Fast hat es den Anschein, als Habe Gabriel schon damals im alten Rom versucht, sich politisch zu profilieren.



Wer etwas erreichen will, braucht Potenz, Standfestigkeit und Durchhaltevermögen. Der Abgang von Siggi allerdings glich eher einem Koitus interruptus als einem zufriedenstellenden Ergebnis, auch wenn er gerne den Höhepunkt erreicht hätte. Der Buchhändler kam ihm dazwischen. Jetzt bleibt Siggi nur noch die Selbstbefriedigung im Amt. Ob Martin den politischen Penetrationsversuch erfolgreich beendet, bleibt zu bezweifeln. So wie ich Angela kenne, wird sie angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl die Arschbacken zusammenkneifen

Martin Schulz schwang sich nicht etwa wie Phönix aus der Asche aus dem europäischen Dunstkreis auf, nein, er landete mit Schmackes mitten in der Parteizentrale. Damit war das freudvolle Abenteuer Gabriels entschieden. Wenn man es genau nimmt, kann es für ihn eigentlich nicht gar so schlimm gewesen sein, denn er musste ja bis jetzt bei Angela sowieso immer hintenanstehen. Dass unsere Kanzlerin ihr Bestes nicht so ohne Weiteres preisgeben wird, dürfte Martin bald erfahren, auch wenn er als gelernter Buchhändler den politischen Kamasutra gelesen hat.

Zwar trat Gabriel, wo immer er auch Kameras vermutete, in der typischen Manier eines wichtigtuerischen Schaumschlägers auf und verbreitete die Mär maximaler Zustimmung seiner Partei, nichtsdestoweniger brodelte es hinter den Kulissen angesichts bejammernswerter Quoten von gerade mal 20 Prozent. Damit landet man auch bei Angela keinen Stich. Die Wahrheit dürfte jedoch eher dem Spruch des berühmten von Luis Trenker nahekommen, als er einen Kollegen bei einer Bergtour auf den Gipfel schleifte. „Halb zog man ihn, halb sank er hin“. Es ist eine Binsenweisheit: Der Feige ergreift die Flucht, der Mutige tritt den taktischen Rückzug an. Bei Siggi allerdings verschwimmen die Grenzen, denn auf dem sumpfigen Untergrund der Basis versankt sein Parteivorsitz schnell im schlammigen Moor - bei seinem Gewicht wirkt sich das sogar beschleunigend aus.

Der medial kreierte Paukenschlag erwies sich dramaturgisch gesehen als Sensation, letztendlich war es nicht mehr als leiser Trommelwirbel, zumal ohnehin keiner an Gabriel festhalten wollte. Als Gabriel und Martin Schulz in gespielter Einigkeit die Bühne betraten und die vorher abgestimmten Floskeln idem Publikum zu Gehör brachte, nahm man die standardisierten Worthülsen zur Kenntnis. Mehr als rektale Geistesblitze und verbale Diarrhöe hatten sie, was den Rückzug Gabriels anging, ohnehin nicht zu bieten. Immerhin darf man Gabriel bescheinigen, dass er in der Vergangenheit an seiner Chancenlosigkeit erfolgreich gearbeitet hat.

Es dürfte nicht einfach gewesen sein, einerseits für Gesichtswahrung zu sorgen, und andererseits für das Wahlvolk eine vertretbare Sprachregelung zu finden. Wie immer, am besten funktioniert das mit Pöstchenschieberei und allgemeinem Stühlerücken. Damit hat die SPD langjährige Erfahrung. Welch eine Überraschung, Siggi will jetzt Außenminister werden. Ausgerechnet, einer, der kaum ein Wort englisch spricht und über den internationalen Horizont eines blinden Maulwurfs verfügt. Allerdings ist das keine Katastrophe, wenn man das Bildungsniveau der bisherigen Außenminister als Maßstab nimmt. Als neue Wirtschaftsministerin soll in einer Sondersitzung der Bundestagsfraktion an diesem Mittwoch seine bisherige Staatssekretärin Brigitte Zypries vorgestellt werden.

Der eifrige SPD-Wähler braucht sich jedoch nicht umstellen, er wird die üblichen, vollmundigen Wahlkampfparolen hören, nur das Gesicht ist ein anderes. Ein Buchhändler, der kann Geschichten. Wie formulierte es Martin Schulz so schön? Wir werden gegen Merkel antreten und die nächste Regierung stellen, mit anderen Worten, er will die Domina Angela domestizieren. Wenn er sich damit mal nicht verrechnet.