Sonntag, 8. Oktober 2017

Merkel braucht ein neues Volk

Je länger man diesen koalitären Fruchtbarkeitstänzen der Parteien zuschaut, desto unwohler kann einem bei den Begattungsritualen werden. Da will es jetzt jeder mit jedem treiben - das hat schon etwas von Swingerclub. Erinnern wir uns an den Wahlausgang – in diesem Falle die Zweitstimmen. Knapp 73% haben unsere Angela nicht gewählt, was sie zum Anlass genommen hat, sich zur Wahlsiegerin zu erklären. Mit dieser Haltung kann man unserer Kanzlerin eine schwerwiegende neurotische Wahrnehmungsverzerrung bescheinigen. Denn obwohl das Wahlvolk Angelas Politik nicht will, denkt sie nicht daran, diese Tatsache zur Kenntnis zu nehmen oder gar zurückzutreten.





Dass die Schwesterpartei CSU bundesweit auf etwa 6 % kommt, darf man getrost als schmerzhaften Tiefschlag bezeichnen. Mit anderen Worten, Seehofer war auch nicht potent genug, um Angela zu schwängern. In der Tat, man braucht schon ein dickes Fell, verdammt viel Überwindung und sehr viel Gottvertrauen, es erneut in einer Koalition zu versuchen. Denn mit marginalem Inhalt in der bayerischen Hose taugt man kaum zum attraktiven Partner und trägt nur unerheblich zu einem vorzeigbaren Ergebnis bei.

Zöge man die beiden Werte zusammen, kommen da nicht mehr als 33% zusammen. Angela will sich vermutlich noch nicht einmal vorstellen, was Cem Özdemir zu bieten hat. Lindner wäre zwar eine schnuckelig Alternative, aber ob er auch hält, was er verspricht? Man weiß es nicht. So gesehen müsste sich unsere Bundeskanzlerin konsequenterweise ein neues Wahlvolk suchen, bei dem sie sicher sein könnte, dass ihr, wie zu Zeiten der DDR auch 90% zujubeln müssen. Das wäre die Einzige Möglichkeit, weiterhin beim Zölibat zu bleiben.

Nun ja, 90% der Wähler wollen auch Lindner nicht. Genauso viele - nämlich ca. 90% mögen nicht, dass die Grünen etwas bestimmen sollten. Die Linken will auch keiner. Es gehört schon eine ziemliche Unverfrorenheit dazu, wenn sich die Parteiführer freudig und mit Siegerposen vors Publikum stellen und meinten, sie hätten das Recht, sich mit ihrer vom Wähler ungewollten Programmatik aufzumanteln oder noch schlimmer, wenn sie kein Vertrauen genießen. In der Konsequenz sollten sie sich viel mehr die Frage stellen: Wen oder was wollen die Wähler überhaupt, wenn wir es nicht sind? Quintessenz: Es gibt keine signifikanten Mehrheiten für die derzeit bestehenden Wahlprogramme, keine überzeugende Zustimmung vom Wähler, denn 30% sind weit von einer Mehrheit entfernt. Ich befürchte, die restlichen 70 % der Bürger würden heute den ganzen politischen Laden am liebsten zum Teufel jagen, wenn sie denn könnten.

Der Bürger ahnt, welche arithmetischen Handstände jetzt unternommen werden, um Ministerpfründe, Versorgungsleistungen und Ämter zu verteidigen. Notfalls werden sämtliche Pseudo-Überzeugungen, die jede Partei wie Monstranzen, schon der Gesichtswahrung wegen vor sich hertragen, der Not gehorchend über Bord geworfen. In Neudeutsch heißen diese Arbeitsplatz-Verlustängste demokratische Kompromisse. Ein hübscher Name für die spätere Selbst-Legitimierung, das gleichzeitig als Alibi dient, mit Recht an den Schalthebeln der Macht zu bleiben. Im Anschluss lässt man sich von eigenen Parteigenossen beklatschen, weils ja so schön aussieht. Ich wills mal so sagen...: Das Volk heißt deshalb Volk, weil es so schön volkt...! 

Betrachtet man die Wahlergebnisse wie sie wirklich sind und was die Zahlen ohne interpretatorisches Gesülze tatsächlich aussagen, dann haben die Bürger keiner einzigen Partei ein echtes Regierungs-Mandat übertragen. Ebenso wenig ist bei realistischer Betrachtung aus den vorliegenden Wahlergebnissen abzuleiten, dass die Wähler mit einer Koalition, gleich welcher Couleur, zufrieden sein werden oder sie gar gewollt hätten. Die Schnittmengen der Übereinstimmungen im Falle einer Jamaika- Koalition sind so gering, dass in der kommenden Legislaturperiode kaum mehr als Scheingefechte ausgetragen werden, und Veränderungen oder gar Verbesserungen sich endlos hinziehen oder gar im Sande verlaufen.

Tja, genau das hat sich der Wähler gewünscht, könnte man zynisch anmerken. Aber einem hart gesottenen Politiker geht das am breiten Gesäß vorbei. Seine Aufgabe besteht jetzt darin, dem wählenden Duckmäuser zu erklären, dass die blaue Farbe in Wirklichkeit rot ist oder besser ausgedrückt, ein Wahlergebnis von 32 % ausreicht, als Sieger auf den Regierungssessel zu sitzen. Bedauerlicherweise, so hört man allenthalben, hat man eben 4 Jahre lang ein unzufriedenes Volk am Hals. Sei’s drum, was tut man als Politiker nicht alles, um eigene Bezüge zu erhalten und Versorgungsansprüche zu erhöhen. Merkel bedient sich beinahe lehrbuchhaft des ersten Satzes in Macchiavellis Lehren. „Rühme fortwährend deinen Erfolg und erwähne deine Niederlage niemals oder nur am Rande.“ 

Merkel wird an ihrer Politik nichts ändern. Sie ist erfahrungs- und beratungsresistent, sie ist stur, obstinat, selbstgefällig und führt mit der Attitüde von Allmachtsfantasien ihre Regierungsgeschäfte. Ob nun Lindner, Schulz oder Göring-Eckardt, sie stören die Kreise der Kanzlerin nur marginal. Weshalb sollte sie sich auch über kleine Lichter aufregen, wenn man dem Bürger und den Parteigegnern nach der Wahl klipp und klar erklärt hat, dass ohne SIE keine Regierung gebildet werden kann. Diese Haltung beinhaltet zwangsläufig großes, erpresserisches Potential – ganz nach dem Motto: Wenn du nicht das tust, was ich will, bist du draußen. Man braucht nicht viel Fantasie, um nicht zu wissen, wie Koalitionsverhandlungen hinter den Kulissen laufen.

Wie sagte sie so schön bei der Pressekonferenz? „Ich wüsste nicht, was ich hätte anders machen sollen. Dafür gibt es keinen Anlass.“ Ja, wenn das so ist, dann sollt sich Frau Merkel tatsächlich ein neues Volk suchen, wenn sie nicht tun will, was der erklärte Wunsch des Wählers ist. Im Umkehrschluss könnte man auch sagen: Nicht das Volk braucht Politiker, sondern Politiker brauchen das Volk. Doch anscheinend gibt es zu viele, die diese Formel nicht begreifen und solche Politiker, die an der Aufgabe scheitern, einfach wegen Unfähigkeit aufs Altenteil schicken. Ja, ja… Die Regierung machts dem Bürger nicht leicht, der Bürger der Regierung schon...



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