Montag, 29. Januar 2018

Die „Ehrenwerte Gesellschaft“ aus Wolfsburg und Stuttgart

Unter den Mafiosi gibt es das eherne Gesetz, gegenüber Fremden Verschwiegenheit zu bewahren. Das gilt insbesondere für Staatsanwälte, Richter und Polizisten. Und nun stelle man sich das Szenario vor, wie sich drei integre Herren in feinstem feinen Zwirn in einem einsam gelegenen Ristorante in den sizilianischen Bergen treffen, um über einen flächendeckenden Giftgasanschlag auf Europa zu beraten. Schwer bewaffnete Bodyguards schirmen den Ort des Geschehens hermetisch ab. 


Die Gespräche gestalteten sich als kompliziert. Die Schwierigkeit bestand in der Frage: Wie können wir Giftgase so attraktiv machen, dass sich die Menschen nicht nur mit Freuden selbst vergiften, sondern das vorzeitige Lebensende auch noch selbst finanzieren. Schöne Karosserien und leistungsstarke Motoren, darin bestand Übereinstimmung, reichen alleine nicht aus. Da sich die drei Bosse aber nicht einig wurden, ob der Einsatz des Gases einerseits risikolos, andererseits unbemerkt bleibt und vor allem auch den gewünschten Erfolg zeigt, beauftragen sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen mehrere renommierte Forschungsinstitute, testhalber ein paar Leute dem Kampfmittel auszusetzen. Ziel: Sie sollen nicht bemerken, wann sie tot umfallen. 

Ich weiß, das klingt abstrus, zumal die Herren, die ich meine, rein optisch betrachtet, völlig harmlos daherkommen, nichtsdestoweniger aber sehr mächtig sind. Es handelt sich um die herrschenden Bosse aus Wolfsburg, Stuttgart und Dingolfing, sozusagen die „capi dei capi“ der deutschen Wirtschaft – die Bosse der Bosse. Volkswagen, Mercedes, BMW und ein Abgesandter des Zulieferunternehmens Bosch. Fehlte nur noch Dobrindt. Aber da man dem Kerl nicht traut, hat man auf ihn sicherheitshalber verzichtet.

Wie schon erwähnt, trafen sich die drei Chefs und der "Unterbosch" der ehrenwerten Gesellschaft schon im Jahr 2007 an einem geheimen Ort (niemand weiß etwas davon), und gründeten die EUGT (Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor). Und dann legten sie los, die Forscher. Jahrelang. Doch irgend so ein Idiot innerhalb der Familie entpuppte sich als schwarzes Schaf. Oliver Schmidt, VW-Manager wurde in Miami am Flughafen verhaftet, als er seinen wohlverdienten Urlaub beenden wollte. Und dann packte er aus.

Den Berichten zufolge soll die von den Konzernen VW, BMW und Daimler gegründete EUGT eine "Kurzzeit-Inhalationsstudie mit Stickstoffoxid“ bei gesunden Menschen gefördert haben. Dabei seien an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 25 Personen untersucht worden, nachdem sie jeweils über mehrere Stunden Stickoxid (NO2) in unterschiedlichen Konzentrationen eingeatmet hätten. Dem Vernehmen nach leben sie noch. Aber nichts Genaues weiß man nicht. Aber schon beim Lesen dieser Nachricht dreht sich bei jedem normal denkenden Menschen der Magen um. Kaum zu glauben, dass sich Entwickler angesichts unserer Geschichte nach 70 Jahren im Namen der Wissenschaft für solch Menschen verachtende Studie hergeben.

Wir erinnern uns: Nachdem der "Dieselgate"-Skandal im September 2015 aufflog, kooperierte der langjährige VW-Mitarbeiter als Kronzeuge mit den Strafverfolgern. Im August verurteilte ihn ein US-Richter wegen seiner Rolle in der Abgasaffäre zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis sowie zu einer Geldstrafe von 200.000 Dollar. Doch das war offenkundig erst das Diesel-Vorspiel ist, jetzt tritt man in die entscheidende Phase giftumnebelter Enthüllungen ein. Nun ja, immerhin dürfen die deutschen Dreckschleudern mit staatlicher Hilfe die Luft weiter verpesten, was mich zu der Frage führt, ob nicht auch Frau Merkel damals beim Treffen der „capi tedeschi“ im verschwiegenen Ristorante in den sizilianischen Bergen „incognito“ anwesend war. Wie schon gesagt: Nichts Genaues weiß man nicht.

Lange Rede, kurzer Sinn, irgendwie hat das Langzeitexperiment nicht so hingehauen, wie sich das die Bosse aus deutschen Landen vorgestellt haben, also griff man der Not gehorchend zu Affen. Man hält es im Kopf nicht aus, wenn man in den neuesten Enthüllungen folgenden Satz liest: „Doch weil die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Dieselabgase als krebserregend eingestuft habe, seien wegen rechtlicher Bedenken die Affen zum Einsatz gekommen". Na, da haben wir ja gerade nochmal Glück gehabt. Entlarvend geht es weiter: "Die entscheidenden Anweisungen habe stets VW gegeben.“ Irgendwie wird man beim Lesen den Gedanken an die Zeit von 1933 nicht los. Ich dachte bislang, die Ära der Menschenversuche und Massenvergasung sei endgültig Geschichte. Wie man sich doch täuschen kann.

Was aber steckte tatsächlich hinter diesem Skandal -, was genau versprach man sich von dem Affen-Experiment? Bohrt man sich durch die Mauer des Schweigens, übersteigen die Berichte jede Fantasie. Manipulierte Tests sollten dem Wolfsburger Unternehmen Forschungsergebnisse liefern, um die eigenen - als "sauber" zu vermarkteten. Deshalb wurde bei dem Versuch zur Gegenüberstellung ein Ford-Diesel-Truck des Modelljahres 1999 gewählt - oder anders ausgedrückt: eine ziemliche Abgas-Dreckschleuder, und die armen Tiere regelrecht zu Tode gequält. Doch die gewünschten Resultate brachte die Studie letztlich nicht.

Um diesem pervertierten Zynismus die Krone aufzusetzen. Zitat des Wissenschaftlichen Leiters: Zehn zu Versuchsobjekten degradierte Affen kauern in einem Testlabor im Wüstenstaat New Mexico und atmen stundenlang Abgase eines VW-Beetles ein, während ihnen zur Beruhigung Zeichentrickfilme gezeigt werden. So beschreibt Jake McDonald, was sich 2014 auf Betreiben von VW in seinem Forschungsinstitut in Albuquerque abgespielt haben soll. Der Wolfsburger Autokonzern widerspricht der Darstellung nicht. Das wiederum verwundert niemand, da man ja weiß: Mafiosi sagen grundsätzlich nichts.

Und nach diesem Vorbild lassen uns die Konzernmanager, ganz im Stile der Mafia mitteilen: Wir wissen von nichts. Don Corleone hätte es nicht geschmeidiger ausdrücken können. Gleichzeitig beteuert man unisono: Wir distanzieren uns von solchen Machenschaften. Nun ja, ganz, ganz verschämt hat die Konzernleitung nach Zahlung einiger Milliarden Euro bei den US-Behörden eingeräumt: "Wir sind der Überzeugung, dass die damals gewählte wissenschaftliche Methodik falsch war. Es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten.“ Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner." Nun ja, in Deutschland haben wir inzwischen Übung mit Einzelfällen.

Mir stockt der Atem bei dieser Infamie, war es doch unstreitig ein leitender Ingenieur von VW, der das Testkonzept von Anfang bis zu seiner Auflösung 2017 „fachkundig“ begleitete. Es wird nicht lange dauern, bis sich der niedersächsische Wirtschaftsminister und VW-Aufsichtsrat Bernd Althusmann zu Wort meldet, schnelle, vollständige und lückenlose Aufklärung sowie personelle Konsequenzen fordert. Ihm werden selbstverständlich Kollegen aus allen Parteien folgen. So, und jetzt gehe ich kotzen…


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