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Brüssel und der Parteienwahnsinn

Es ist schon erstaunlich, was Seehofer und seine Mannen in Bayern in Bewegung gesetzt haben. Man gewinnt inzwischen den Eindruck, als gäbe es in den Parteien und Verbänden mehr Warner und Mahner als Mitglieder. 


Hinter jeder noch so schmuddeligen Ecke lauert irgendein Schlaumeier, der vor dem Auseinanderbrechen der EU, dem Niedergang der Union, dem Zerfall Deutschlands oder dem Untergang des Abendlandes warnt. Durch Berlin wabert ein unangenehmer Geruch, der an randvolle Hosen erinnert.

Kein Zerrüttungsszenario wird ausgelassen, keine düstere Prophezeiung ausgenommen, wenn es darum geht, sich wichtig zu machen oder sich in den Vordergrund zu drängen. Inkompetente Schwätzer haben gerade Hochkonjunktur, wenn es um die besondere Hervorhebung der Verantwortung geht, die jeweils der Kontrahent oder Gegner zu tragen hätte. Und alles nur, weil die CSU die Forderung durchsetzen will, dass sich die Regierung endlich an Gesetz und Ordnung hält. Sophisten und Pharisäer geben sich bei den TV-Sendern und den Redaktionen die Klinke in die Hand, die plötzlich allesamt die Weisheit mit Löffeln gefressen haben wollen. Geschickt überspielen sie die innere Panik, von der sie ergriffen sind, denn das derzeitige politische Desaster könnte ins eigene Aus führen.

Weissager und Propheten, soweit das Auge reicht. Auf Platz eins steht das Platzen der Koalition, dicht gefolgt von der irrealen Europalösung für Flüchtlinge und dem Sturz der Kanzlerin. An vierter Stelle rangiert das Ende von Schengen, das von der drohenden Katastrophe des Rechtsrucks in der Gesellschaft abgerundet wird. Jeder warnt jeden, und alle stürzen sich mit Gebrüll entweder auf die CSU oder die AFD, notfalls auch auf die Grünen. Man reibt sich verwundert die Augen, wenn doch all diese politischen Brüllaffen jahrelang Zeit und Gelegenheit hatten, ihre kümmerlichen Bestände im Oberstübchen zu sammeln, um offenkundige Probleme zu lösen.

Wie Phönix aus der Asche melden sich die größten Polit-Luschen wie Trittin, Gabriel, Stegner oder Nahles zu Wort und ergehen sich in dämlichen Statements, in denen sie ihre politischen Todfeinden erklären, was sie zu tun oder zu lassen haben. Nur, was sie selbst zu tun haben, scheint diesen Phrasendreschern entfallen zu sein. Die Schicksalswoche unserer Kanzlerin sei angebrochen. Dazu kann ich nur sagen: Na und?  Ob nun Bayern einen Alleingang unternimmt, die CDU aus Rache mit einer Ausweitung ihrer Partei in den Freistaat plant oder die Koalition den Weg alles Irdischen geht, sind Petitessen im Vergleich zu den Migrantenströmen, die sich jetzt wieder zu uns auf den Weg machen.  

Während Göring-Eckardt (GRÜNE) von immer neuen migrierenden Touristen träumt und gar nicht menschlich genug sein kann, werben die Linken für Grenzen, die so weit offen stehen wie Scheunentore. Nahles (SPD) dagegen fordert von Seehofer und Merkel ein Bekenntnis für die Union, zumal sie sich darauf verlassen will, dass ihr Amt für die nächsten Jahre gesichert ist. Die FDP meldet sich nur da und dort zu Wort und vermeidet gleichzeitig jeden Verdacht, Partei für den einen oder den anderen einzunehmen. Immerhin besteht die Gefahr, beim Showdown zwischen die Fronten zu geraten. Schließlich will man den Notfall überleben.

Indessen geht der Wahnsinn weiter. Berlins Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke) will sich gar mit der rot-rot-grünen Koalition darauf verständigt haben, Flüchtlinge vom Schlepperschiff „Lifeline“, das vor Malta dümpelt, in Deutschland zu übernehmen. „Wir haben die Kapazitäten, um die traumatisierten Migrationsreisenden aufzunehmen.“ Ob sie vorher Herrn Seehofer gefragt hat, ist nicht bekannt. 

Würde nicht ausgerechnet jetzt die Fußballweltmeisterschaft stattfinden, unsere Politiker würden ganz öffentlich in der eigenen Jämmerlichkeit ersaufen. Sie können von Glück sagen, dass Biedermann & Co auf ihren Couchen sitzen und sich bei Bier und Chips mit den Kickern auf dem Fußballfeld auseinandersetzen. Und während sich unsere Parteispitzen insgeheim mit den Horrorszenarien der eigenen Auflösung beschäftigen und schon mal vorbeugend ihre eigenen Chancen bei einer Neuwahl diskutieren, bereiten sich auf dem afrikanischen Ufer ganze Legionen darauf vor, Europa zu fluten. 

Abertausende Flüchtlinge haben sich wieder in einem riesigen Tross über Bosnien auf den Weg gemacht und unsere Kanzlerin sucht in Brüssel nach Lösungen. Bilateral, Trilateral, Multilateral - aber keiner will mitmachen. Sie sollte mit Seehofer reden, statt mit Länderchefs, die ringsum ihre Grenzen abschotten.

Den Gipfel personeller Trostlosigkeit bilden die aus ihren Regierungen ausgesourcten Beamten wie Jean-Claude Junker & Konsorten, die im Angesicht des herannahenden Untergangs des Europaparlaments um ihre Arbeitsplätze fürchten und jetzt sogar jede Schweinerei herbeisehnen, nur um sich zu retten. Der Alptraum des Verlustes schöner Apanagen ist der größte Motivator, die Kanzlerin mitsamt der EU zu retten. Ich könnte auf beides gut verzichten.

Was bitte ist so schlimm daran, wenn man einen kompletten, politischen Neuanfang wagt? Ach ja, ich weiß schon. Unsere Etablierten würden zu Splitterparteien mutieren, Ministerstühle würden vakant und manche alimentierte Faulenzer würden sich neue Jobs suchen müssen, zumal das Volk vom maximal möglichen Dilettantismus, von der Versorgungsmentalität, von der Verlogenheit und des Gutmenschentums die Schnauze gestrichen voll hat. Es wird Zeit, dass sich etwas tut, nicht nur auf dem Fußballfeld.

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