Freitag, 2. Februar 2018

Olympia, der Wahn zwischen Doping, Sieg und Ehre

Ach ja, es ist schon ein Kreuz mit diesen Sportlern, der Sport-Gerichtsbarkeit, der Politik und der nationalen Ehre. Wieder einmal werden Sportler und Offizielle wegen Doping und betrügerischen Methoden durchs Fernsehdorf getrieben. Kein Wunder. Die olympischen Winterspiele in Pyeongchang stehen vor der Tür.


Ich wills mal so sagen: Jahrelang schufteten hoch ambitionierte, junge Menschen, um höher, schneller, weiter und besser zu hüpfen, zu rennen, zu werfen oder carven zu können als der Gegner. In Krafträumen wurden tonnenweise Gewichte bewegt, in Trainingscamps Kondition und Koordination erworben, und die Athleten bis an den Rand menschlicher Leistungsfähigkeit gedrillt. Was dann noch fehlte, besorgten die Trainer aus der Hausapotheke. Wenn alles klappt, darf sich kommende Woche der Sieger den Lorbeerkranz aufs Haupthaar stülpen und eine Medaille um den Hals hängen lassen. Frenetischer Beifall des Publikums, Nationalhymne und dämliche Fragen der Sportreporter sind ihm gewiss. „Haben Sie Ihre Goldmedaille schon realisiert?“ Antwort: „Nein, erst nächste Woche.“ Alternativ: „Was macht der Sieg mit Ihnen?“ Antwort: „Äh…! Ich grüß die Mama in Recklinghausen.“

Kaum hat der Held das Siegertreppchen verlassen, darf er seinen Triumph an der Seite eines kamerageilen Politikers auskosten. Ein feuchter Händedruck mit Foto, ein Schulterklopfen, ein paar euphorische Worte und möglicherweise ein Scheck, aber erst, wenn es keiner sieht. Natürlich lassen all diese Würdigungen die Brüste der Landsleute voller Stolz millionenfach anschwellen und euphorisch stellen wir an der Mattscheibe fest: Wir haben gewonnen! Deutschland ist wieder wer. Wir sind Olympiasieger.

Gemeinsam haben wir wieder einmal unsere genetische Überlegenheit über die Sportler anderer Länder bewiesen. Mit uns muss man eben jederzeit rechnen. Und nicht nur das. Die unglaubliche Leistung des Skispringers mit der sagenhaften Weite von vierhundertsiebenundsiebzig Meter macht uns so schnell keiner nach. Und was den Abfahrtslauf im Super-G mit unserem Wastl Hinterhuber aus Lengries angeht, es war eh klar, dass er das Rennen machen würde. Mit über dreihundertneunzig Sachen stürzte er den Steilhang der Eiger Nordwand hinunter, ohne dass ihm auch nur ein einziger Meniskus flöten ging. Unsere Nation ist sich einig. Das macht uns Deutschen so schnell keiner nach, besonders weil wir auch mit Genickbrüchen und zerfetzenden Muskelfasern mitkämpfender Matadoren rechnen mussten.


Kanzler, Präsidenten oder Bürgermeister, je nach Bedeutung der Veranstaltung, sie huldigen zur Bestätigung der nationalen Überlegenheit sich selbst, indem sie sich jovial und volksnah mit dem Sportler zeigen, den Sieg aber der eigenen Politik und den großzügigen Zuwendungen bei der Sporthilfe zurechnen. Nun ja, dass der eine oder andere Sportler sich beim Dopen erwischen lässt, ist eine ärgerliche Nebenerscheinung, vor der man sich natürlich empört distanziert, nichtsdestoweniger aber das nationale Bedürfnis weiterer Siege nicht nur versteht, sondern auch einfordert. Schon der eignen Beweihräucherung wegen. Das Argument der Unfairness und des Betruges aufgrund der Einnahme verbotener Substanzen wird immer dann laut, wenn die anderen gewinnen. Das ist zwar blöd, hilft aber auch nicht weiter.

Bestes Beispiel ist Putin, der reihenweise durch den Geheimdienst Urinproben austauschen ließ, damit der Makel des Dopings keinen Schatten über die überlegenen Cracks werfen konnte. Ein Whistleblower hat die Sportwelt der Russen ins Wanken gebracht. Die haben nach dem Geschmack der anderen zu oft gewonnen. Aber wo ein Wille ist, gibt es auch einen Weg, selbstverständlich auch für uns. Wir sollten uns nicht nachsagen lassen, dass unsere Sportmediziner und unser Pharmaindustrie Pfeifen sind.

Aber worin liegt eigentlich der Makel des systematischen Dopings? An der schlechten Organisation oder der Methoden? An der Uneinigkeit zwischen IOC oder den Antidopingbehörden? An der Dummheit der Sportler oder gar an der mangelnden Entscheidungsklarheit des obersten Sportgerichts CAS? Selbst unsere obersten Dopinghüter wissen nicht weiter. Putin schon, nachdem gestern das Sportgericht die Sperrungen russischer Sportler aufgehoben hatte.

Wie sagte Putin so schön? "Die überwältigende Mehrheit unserer Athleten ist sauber.“ Zugleich warnte er vor übergroßer Euphorie: "Es gibt noch jede Menge zu tun, das ist völlig klar, um bei uns die Programme und die Politik gegen Doping zu verbessern." Moskau werde dabei mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zusammenarbeiten.“ Klar..., mit wem denn sonst? Ich befürchte allerdings, dass es sich hier um einen Übersetzungsfehler handelt. Politik gegen Doping? Meinte er vielleicht „für“ besseres Doping? Nun ja, man weiß es nicht, man forscht noch. Jedenfalls muss er in dieser Frage auch mit uns rechnen.

Wenn man mich fragt, ich habe dazu eine klare Meinung. Wir sollten alle Sportler verpflichten, zu dopen, um einerseits zukünftige Irritationen zu vermeiden und endlich gleiche Bedingungen zu schaffen. Dann kann niemand mehr behaupten, es ginge in unseren Arenen unfair zu. Sämtliche Unklarheiten wären beseitigt. Und jene Sportler, die sich weigern, sich pharmazeutisch aufpeppen zu lassen, sollten wegen Verstoßes gegen den olympischen Geist und wegen Unterminierung staatlicher Interessen vom Wettkampf ausgeschlossen werden. Immerhin gehen die Sportler bei der Tour de France schon seit Jahren mit gutem Beispiel voran. Ab und zu fällt zwar einer von denen tot vom Rad, aber daran haben sich selbst schon die Fernsehsender und die Zuschauer gewöhnt.


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