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Der Schlag gegen die `Ndrangheta? Nichts als heiße Luft

An der nordöstlichen Küste Kalabriens, unweit ein der der größten Hafenstädte Italiens liegt Palmi, ein kleiner Touristenort mit seiner pittoresken Küste. Feinster Sandstrand, durchbrochen von schroffen Felseninseln, die jeden Hobbyfotografen die Herzen höher schlagen lassen. Der Anblick jener zerklüfteten Küste, der Geruch der Macchia, das Zirpen der Zikaden befördern jeden Touristen in eine mediterran-romantisierte Gefühlswelt. Hier bin ich Mensch, hier darf ist sein, aber eben nur als Tourist.



Kaum jemand ahnt, dass die Region fest in der Hand der am schnellsten wachsenden und gefährlichsten Verbrecherorganisation ist, die `Ndrangheta. In Palmi regierte bis vor einer Woche die `Ndrina Gallico mit ihrem Chef Filippo Morgante (48), der seit einem Jahr fieberhaft gesucht wurde. Jetzt ging der „Quintino“, einer der ranghöchsten Führer der Organisation, den Cacciatore – einer Spezialeinheit der Anitimafiapolizei, in Rom ins Netz. Bei der internationalen Razzia in Deutschland, Italien, Belgien, Schweiz und den Niederlanden versetzten die Polizeikräfte der `Ndrangheta ebenfalls einen massiven Schlag, so die Polizei.

Bei der großangelegten Razzia gegen die italienische Mafia hat die Polizei einen der mutmaßlichen Bosse in Nordrhein-Westfalen verhaftet. Der 45 Jahre alte Gastwirt aus Pulheim sei am frühen Morgen in Pulheim bei Köln von den Ermittlern aus dem Schlaf gerissen worden, sagte ein Polizeisprecher am Mittwoch. Der Besitzer einer Osteria werde der Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation beschuldigt, außerdem soll er massiv an „Kokainhandel beteiligt sein“. Nun ja, immerhin haben sie bei ihm 40 Kilo Koks gefunden.

Razzien auch in Deutschland - wo der Boss Pizza backt

Insgesamt wurden 23 Objekte in Köln, Leverkusen, Aachen, Ennepe-Ruhr-Kreis, Düren, Heinsberg, Rhein-Kreis Neuss, Recklinghausen und dem Rhein-Erft-Kreis nach Beschuldigten und Beweismitteln durchsucht. Darunter war nach GA-Informationen auch ein Betrieb in Wesseling. Des Weiteren durchsuchten die Fahnder vier Objekte in Berlin, vier weitere in Gera und Altenburg, zwei Objekte im belgischen Verviers und zwei Objekte in Spanien (Mallorca), wie Polizei und Staatsanwaltschaft Köln in einer gemeinsamen Mitteilung bekanntgaben.


 Seit mehr als einem Jahr liefen europaweit verdeckte Ermittlungen, die nun in einer konzertierten Aktion zuschlugen. Hunderte von Beamten, auf vom BKA haben dutzende von Wohnungen, Pizzerien, Restaurants, Privathäuser und Firmen in Bayern, Nordrhein-Westfalen. Thüringen und Berlin durchsucht. Knapp 90 Haftbefehle wurden europaweit vollstreckt, 65 Objekte durchsucht, und einige Restaurants geschlossen. Die groß angelegte Aktion wurde im Zusammenwirken der Europäischen Union (Eurojust) koordiniert. Selbst in Südamerika gab es entsprechende Einsätze.

Doch was in den Medien als bemerkenswerter Erfolg verkauft wird, ist bei genauem Hinsehen, ein lächerlicher Schritt. Die großen Clans der Strangio, Barbaro, Nirta, Pelle, Belloco oder Mammoliti haben halb Europa im Griff, Behörden unterwandert, Netzwerke zu Firmen installiert, hervorragende Verbindungen bis in höchste Regierungskreise, so dass sie zumeist längst vorgewarnt sind, wenn Polizeiaktionen geplant oder durchgeführt werden. Diese Klans verfügen über Milliardensummen, machen alleine im illegalen Müllgeschäft mehr als 50 Milliarden Jahresumsatz und investieren ständig. Und nichts kann sie davon abhalten, weiter zu wachsen.


Giovanni Strangio - der 6-fach Mörder von Duisburg


`Ndrangheta - durchorganisiert bis zur Perfektion

Wie schwer es ist, diesen verschwiegenen Organisationen wie die Cosa Nostra oder `Ndrangheta auf die Spur zu kommen, hängt nicht nur vor ihrer Geschichte und ihrer Entwicklung zusammen, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass die Mitglieder nahezu alle blutsverwandt sind. Die Basis der 'Ndrangheta sind die einzelnen 'ndrine, also Clans, die aus den Mitgliedern einzelner Familien bestehen (die oft durch arrangierte Ehen erweitert werden). Jede 'Ndrina hat ein klar abgegrenztes Territorium, genannt „locale“ unter sich, das nicht immer genau mit administrativen Zonen übereinstimmt: Es kommt vor, dass eine Stadt in mehreren „locali“ aufgeteilt ist, oder dass mehre Städte zu einer Locale gehören. Die Crimine steht über allen Locali, egal wo auf der Welt sie sich befinden, und jeder muss sich ihren Befehlen bis aufs Letzte unterordnen.

Jede „Locale“ hat mindestens 49 Mitglieder und untersteht einem capo locale, der auch als capo bastone (oberster Stab) bezeichnet wird—nach dem Stab, den Schäfer benutzen, um die Schafe zusammenzutreiben. Dieser organisiert die kriminellen Aktivitäten seines Territoriums, beraumt Treffen ein, entscheidet über Aufnahmen oder Beförderungen und löst Konflikte. Genau wie dem Capo Crimine in der zentralen Führung der 'Ndrangheta, steht auch jedem Capo Locale ein Capo Società zur Seite, eine Art Manager; ein mastro di giornata, der seine Anweisungen an die Untergebenen weitergibt; und ein Contabile, der die Einnahmen aus den illegalen Aktivitäten verwaltet, die auch als valigetta (Aktenkoffer) bezeichnet werden.


Giovanni Tegano - Quintino (Boss) von Reggio Calabria

Es klingt unwahrscheinlich, aber bis heute, während ich den Artikel schreibe, treten junge Menschen kriminellen Organisationen durch solche archaischen Rituale bei. Und nicht nur in Italien, sondern auf der ganzen Welt. In der Nacht vom 15. August 2007 vollzog sich in Duisburg, mitten im scheinbar so friedlichen Deutschland, der letzte Akt einer 16 Jahre andauernden Fehde. Die Nirta-Strangio und die Pelle-Vottari—die zwei mächtigsten Clans aus San Luca, dem kalabrischen Dorf, das als Hauptsitz der 'Ndrangheta gilt, lagen seit 1991 im Streit. Der Kalabrische Hafen Gioia Tauro gilt als einer Hauptumschlagplätze der `Ndangheta und ich wage zu behaupten, dass sich kaum einer der Arbeiter bis hin zur Verwaltung, Zollabfertiger oder Leitungsebene der `Ndrangheta entgegenstellen würden. Hier wird das ganz große Rad gedreht.

Die Mafia - mächtig wie ein Staat

Und während bei den internationalen Razzien etwa 20 Personen verhaftet wurden, ist man sich im BKA intern darüber im Klaren, dass der Einsatz dieser Organisation kaum einen entscheidenden Schlag versetzt hat. Alleine in Deutschland gibt es mehr als 1200 Mitglieder. Schon seit den siebziger Jahren hat sich die 'Ndrangheta in Deutschland festgesetzt. Überwiegend leben die Mitglieder und Unterstützer der als wirtschaftlich besonders potent geltenden Gruppierungen aus Kalabrien in Baden-Württemberg, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Die Behörden stellten auch Mitte der neunziger Jahre fest, dass nach der Wende einige 'Ndrangheta-Angehörige in den Raum Erfurt, Leipzig und Dresden gezogen waren und dort Restaurants eröffnet hatten. 2011 zeigte sich eine leichte Bewegung in den Berliner Raum, wobei hier wohl vor allem Lokale betrieben wurden, die Wohnsitze in Erfurt blieben bestehen.

Die Mafia sitzt in Deutschland fest im Sattel

Derzeit sind dem Bundeskriminalamt 283 mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta in Deutschland bekannt. Bei den in Deutschland am stärksten vertretenen Gruppierungen handelt es sich um die Clans Romeo-Pelle-Vottari und Nirta-Strangio aus San Luca sowie Farao-Marincola aus Cirò. Natürlich ist nicht jeder, der einen der betreffenden Nachnamen trägt, ein Mitglied der Mafia. Das gilt auch für alle folgenden Mafia-Gruppierungen und alle Clannamen. Die größten 'Ndrangheta-Clans in Deutschland sind derzeit die Carelli, Critelli, Farao und Nirta. Auch hier zeigt sich, dass die Familien den Westen und Süden Deutschlands bevorzugen. Die große Gemeinschaft dort lebender unbescholtener Landsleute bietet den Kriminellen Deckung, aus Angst, aus Verbundenheit oder auch aufgrund der finanziellen Vorteil wegen.

Just zum Zeitpunkt der Polizeiaktion führte man auch Razzien in Sizilien durch. Auch hier kam es zu einer so genannten „bedeutsamen“ Verhaftung. Dutzende Mitglieder der Cosa Nostra wurden in Palermo festgenommen. Unter anderem auch der neue „capo di capi“ Settimo Mineo und 45 Verdächtige aus dessen nächsten Umfeld. Der 80-jährige Juwelier sollte den Platz des im vergangenen Jahr gestorbenen Toto Riina an der Spitze der kriminellen Organisation einnehmen und in der „Cupola“ mit weiteren Mitgliedern das „Zepter“ übernehmen.

Was uns die offizielle Berichterstattung aber auch die deutsche Presse als Top-Meldung verkauft und damit suggeriert, man habe damit die Hydra der Mafia zerschlagen, ist schlicht ein Witz. Don Settimo Mineo wird niemals im Gefängnis verrotten, wie sich das Innenminister Matteo Salvini vorstellt. Mineo wird aufgrund der Gesetze in Italien aufgrund seines Alters schlimmstenfalls zu Hausarrest verdonnert. Ab dem 75 Lebensjahr wird in Italien niemand mehr auf Dauer eingesperrt.

Matteo Messina Denaro ist der wahre „capo di capi“ – bekannt mit dem Spitznamen „Diabolo“ – Teufel. Der milliardenschwere Denora ist seit 20 Jahren untergetaucht. Es gibt von ihm weder neue Fotos noch authentische Bilder. Er gilt als der „legitime“ Nachfolger von Riina und Provenzano. Don Settimo ist ein Bauernopfer, der von der tatsächlichen Dramatik ablenken soll.

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