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Blind-Date in Gelsenkirchen-Buer

»Weißt du, der Mann, den ich mir vorstelle ist mindestens 1,82 groß und kräftig gebaut. Und trotzdem sensibel. Also..., ich meine, nicht so ein Weichei!«

»Was verstehst du unter „kräftig gebaut“, erkundige ich mich irritiert.

Die langhaarige Blondine mit einer zugegebenermaßen aufregenden Topographie und unendlich langen Beinen lächelt wissend. Sie schürzt die Lippen genießerisch und verdreht die Augen hinter ihrer Sonnenbrille.

»Tja, das weißt du leider erst, wenns schon zu spät ist«, gluckse ich vor Vergnügen.

»Tss …« Jeanette macht eine abfällige Geste. Jedenfalls einen Körnerheini mit Strickpulli und Jesuslatschen könntest Du mir zu Weihnachten nackt unter den Christbaum legen, ich würde ihn gleich wieder einpacken, weißte…!«

»Ich nicke mitfühlend.

»Für mich kommt nur das Gesamtpaket in Frage. Einen, der zu seinen Gefühlen steht, ohne permanent zu nerven. Ich kann’s zum Beispiel nicht ausstehen, wenn Männer wegen jeder Kleinigkeit rumjammern. Ach ja, und die Brustbehaarung muss weg. Überhaupt…, Haare am Köper finde ich eklig.«

Ich schließe die Augen und denke nach, an welcher Stelle ich überall behaart sein könnte, derweil Jeanette im knappem Röckchen mit überschlagenen Beinen am Kaffeehaustisch sitzt und mit spitzem Mäulchen am Schaumrand ihres Cappuccinos schlürft.

Mein Blick kriecht an ihren ellenlangen Beinen entlang und beißt sich am Rocksaum fest. Sie beobachtet mich aus dem Augenwinkel, wirft affektiert ihre Mähne nach hinten und klimpert mich mit einem unnachahmlichen Augenaufschlag an. Mein Espresso hat die Konsistenz flüssiger Schokolade und ich frage die vorbeihuschende Bedienung, ob man auch einen Defibrillator im Haus habe.

»Si Signore, abbe wir natürlisch Defibrillatore! Wolle neue Cafè italiano mitte aufegeschaumte latte oder Sahnä?« 

»Portami un cafèlungo e un bicchiere d’acqua, prego.«

Jeanette hält überrascht für einen Augenblick inne. »Du kannst Italienisch?«, fragt sie mich. 

Ich nicke. »Ich gehe oft beim Italiener essen, da bekommt man Übung.«

 Offenbar hatte ich jetzt bei ihr gepunktet, wenngleich nicht wesentlich. 

»Geil, wollte ich auch immer mal lernen. Ich finde, Italienisch hat so etwas wahnsinnig Erotisches.« 

Wieder macht sie eine Pause und ihr abschätzender Blick tastet mich in Sekundenschnelle ab. »Jedenfalls bei manchen Männern«, fügt sie ernüchtert hinzu.

Das sonore Blubbern eines hochgezüchteten Motors erweckt Jeanettes Aufmerksamkeit. Ein Ferrari cruist im Schritttempo an der Espressobar vorbei und entlockt ihr ein sehnsüchtiges: »Geil …!« 

Mir ist klar. Hirn kann mit einem roten Ferrari nicht konkurrieren, nicht einmal mit einem grünen....

Janettes Blick nagelt mich am Stuhl fest. »Was fährst du denn für ein Auto?«, erkundigt sie sich mit einem Lauern im Blick. »Ich finde, italienische Sportwagen haben was.«

»Fahrrad«, erwidere ich knapp und weiß, dass meine Chancen gerade ins Bodenlose abstürzen.

»Echt jetzt?« Ihr Blick hätte sogar Silvester Stallone vernichtet. »Bist du etwa so ein intelektueller Grüner...?«

»Quatsch…«, brummle ich»grün und intellektuell schließen sich aus.« Ich betrachte sie skeptisch. »Reden wir lieber über etwas Anspruchsvolleres. Wir waren übrigens bei den Männern mit Brustbehaarung stehen geblieben«, erinnere ich sie mit süffisantem Unterton. 

»Igitt! Haare gehören auf den Kopf!«, bricht es aus ihr empört heraus. »Schon wegen der Hygiene! Abgesehen davon muss ein richtiger Kerl auch einen muskulösen, durchtrainierten Körper haben, vielleicht noch ein geiles Tattoo an der richtigen Stelle…, du weißt, was ich meine.« 

Ich nicke kaum merklich, obwohl ich keine Ahnung habe, welche Stelle sie meinen könnte und bestätige halblaut, »... rasiert, muskulös, Arschgeweih und dämlich.« 

»Und natürlich ein begnadeter Liebhaber«, fährt sie mit frivolem Unterton fort und ihre Augen blitzen. »Im Kopf muss er natürlich auch was haben, ich meine, so richtig intelligent muss er sein.« 

»Selbstredend!«, füge ich emotionslos an und frage mich, weswegen. Ich rekapituliere innerlich: Sie sucht den akademisch rasierten Wrestler mit dem Hirn von Reich-Ranicki, großem Gemächt und einem Ferrari. »Ich fasse zusammen«, murmle ich kleinlaut. »Klug, sexy, spendabel und allzeit bereit.« 

Jeanette kichert. »Ja, das kommt hin.«

»Du hast etwas vergessen«, murmle ich und ziehe ein bedenkliches Gesicht. »Ein klein wenig Niveau soll er natürlich auch haben. Er muss Dich ja nicht gleich übertreffen.« 

»Wie meinst du denn das?«, erwiderte sie mit gereiztem Unterton.

»Ich meinte, er darf bei deiner Verwandtschaft nicht unangenehm auffallen.«

»Hä…?« Jetzt starrt mich Jeanette feindselig an. 

»Die Frage ist nur, ob dein Märchenprinz irgendwann auch arbeitet und ein angemessenes Gehalt bezieht, wenn er dich andauernd beglücken muss.«

»Du hast komische Ideen…! Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?« 

»Nichts...«, entgegne ich trocken und zucke entnervt mit den Schultern. Angesichts der Partnervorstellung meiner Gesprächspartnerin wird mir allmählich mulmig, zumal ich dem Kerl ihrer Träume nicht im Entferntesten entspreche und ich inzwischen vergessen habe, weshalb ich hier überhaupt sitze.

Mich schmückt weder ein Nabel-Piercing, noch hatte ich mir jemals ein Tattoo auf den Steiß brennen lassen, selbst auf einen Zopf am Hinterkopf hatte ich bislang verzichtet. Möglicherweise ist das ein kaum wieder gut zu machender Nachteil. Es scheint mir taktisch klüger zu sein, sie von diesen Mängeln abzulenken. Ich kann zwar Hemden bügeln, aber das würde sie vermutlich nicht vom Hocker reißen. In Anbetracht meiner untrainierten Wadenmuskeln, meines bejammernswerten Trizeps, sowie meines vernachlässigten Latissimus sollte ich wenigstens ein paar erwähnenswerte Qualitäten finden, um im Rennen zu bleiben.

»Ich finde«, plapperte sie unvermittelt weiter, »ein richtiger Mann sollte auch kulturell etwas bieten können! Schließlich muss man sich mit ihm auch ab und zu auf Vernissagen oder angesagten Events sehen lassen. Wenn er dann noch kochen kann, wär’s perfekt!« Jeanette strahlt mich mit einem unnachahmlichen Lächeln an. »Ach ja und geradezu himmlisch wäre es, wenn er Klavier spielen würde. Das wäre das Sahnehäubchen.«

Beim Gedanken, mit Janette zu vögeln, während im Hintergrund das Furrioso des  Klavierkonzerts von Rachmaninov erklingt, bekomme ich Atemnot. Ihr Lippenstift hinterlässt rote Schlieren an der Tasse, während ich nach dem ersten Schluck Espresso ein leichtes Kammerflimmern bekomme. 

Gebannt höre ich ihr weiter zu und schiebe mir den beigefügten Keks in den Mund. Ein ziehender Schmerz schießt mir in den Kopf. Links hinten, Nummer vier, der Reiznerv. Freiliegender Zahnhals, vermute ich. Ich sollte besser zum Zahnarzt gehen, als mich dieser Jeanette weiter auszusetzen. Abgesehen davon wundert es mich, dass sie mir immer noch gegenübersitzt. Ich überlege, wie ich Janette trotz ihrer körperlichen Vorzüge am elegantesten loswerde. 

Schon mein Vater hat mich immer gewarnt. Wenn man eine Frau fühlen lässt, dass man sie nicht für voll nimmt, ist man meist selbst der Dumme. Aber er hat vergessen, mir auch zu sagen, dass es Frauen gibt, bei denen dieser Ratschlag einfach nicht funktioniert.

»Mein Traumtyp muss absolut sportlich sein«, schnatterte sie ohne Punkt und Komma, »aber nicht andauernd in Studios herumhängen. Und mit meinen Launen muss er umgehen können«, fügte sie mit einem spitzbübischen Lächeln hinzu. »Ich kann ziemlich empfindlich und nachtragend sein. Ich bin eben wie ich bin.«

Ich atme tief durch. »Nun ja, wenn du nicht wärst wie du bist, würdest du ja ne ganz andere sein, oder?«

Janette stutzt, mustert mich kritisch und denkt kurz nach. Sie winkt ab und plappert weiter. »Ideal wäre es, wenn er auf mich eingeht, natürlich auch auf meine Bedürfnisse.« 

»Auf welche denn?«, erkundige ich mich vorsichtig. 

»Er muss Zeit haben und mir das Gefühl geben, dass ich die wichtigste Person in seinem Leben bin.«

»Vermutlich hat Gott Frauen nur deswegen erschaffen, weil er Männer hasst«, flüsterte ich kaum hörbar. 

»Was hast du eben gesagt?« Jeanettes Blick trifft mich wie ein Blitzstrahl. 

»Nichts Wichtiges…!«, erwidere ich und schaue aus Gründen mentaler Erholung der adretten Bedienung hinterher. Dummheit ist eine natürliche Begabung, denke ich und Jeannette schien mir in dieser Hinsicht besonders talentiert zu sein.

»Und wenn er mich dann wirklich liebt…« Sie lässt den Satz offen und ich bekomme Schluckauf. 

»Halte ich für ziemlich unwahrscheinlich«, brumme ich kaum hörbar. Ich nehme einen beherzten Schluck aus der Tasse und bekomme einen Hustenanfall. Mir wird schwarz vor Augen. Mein letzter Gedanke war noch: Der Herr möge mich vor Gefühlen wie Liebe, Lust und vor Frauen wie Jeanette bewahren.

Als der herbeigerufene Rettungssanitäter mich nach einer Reanimation wieder zurück ins Leben geholt und mich auf den Stuhl zurückgehievt hat, meint Jeanette mit zickigem Unterton: »Also ehrlich! Das Wichtigste für mich ist, dass ein Mann zuhören kann.« 

Ich sacke kraftlos auf meinem Stuhl zusammen und strecke die Beine weit von mir. Die herbeigeeilte Bedienung beugt sich besorgt über mich. »Signore, ware net zufriede mittä Espresso? Solle isch bringä was andere?« 

»Dio mio -, nein!«, knurre ich bissig. »Bitte nicht... Ich will nach Hause zu meinem Hund. Der ist wenigstens normal und hält die Schnauze….!«

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