Im Sitzungssaal des Berliner Bürgermeisters herrschte eisige Stimmung, ja, man kann sogar sagen, Kai Wegners politischer Sensenmann saß bereits am Kopfende des Konferenztisches und schärfte mit einem Wetzstein genüsslich die gebogene Schneide seines Arbeitswerkzeugs.
„Ich hab‘ eine Idee“, durchbrach eine zaghafte Stimme die Friedhofstille im Sitzungssaal. Alle Senatsaugen richteten sich hoffnungsvoll auf das Blondchen Iris Spranger, Innensenatorin und rote Speerspitze des regierenden Bürgermeisters. Während Kai angesichts der hoffnungslosen Frostlage und des scharfen Gegenwindes aus der CDU-Parteispitze in tiefer Agonie und mit gequälter Miene dumpf vor sich hinbrütete, kicherte Franziska Giffey glucksend auf.
„Wir hatten seit der Senatsbildung noch nie eine gute Idee“, gab sie mit ihrer Kleinmädchenstimme zu bedenken. Giffeys Galgenhumor traf auf wenig Resonanz, was sie dazu veranlasste, noch einmal nachzulegen. „Wir haben ja gesehen, wohin das führt, wenn Kai sich etwas überlegt und in der Öffentlichkeit den Kümmerer gibt.“ Franzi ließ ihren Blick in die Runde der schwer gezeichneten Senatsmitglieder*innen am Tisch schweifen.
„Kein Mensch konnte ahnen, dass die Fotosession in der Turnhalle mit Kai und der alten Frau auf dem Feldbett zum Rohrkrepierer werden könnte“, gab Felor Badenberg, Berlins Justizministerin, mit vorwurfsvollem Unterton zu bedenken. „Wessen blöde Idee war das eigentlich, wenn ich mal vorsichtig nachfragen darf?“
„Das hat der da verbockt“, kam es wie aus der Pistole
geschossen aus der Ecke von Katharina Günther-Wünsch, Sozial- und
Integrationssenatorin. Sie deutete hämisch auf den Oberbürgermeister. „Der hat geglaubt, er könnte mit dem Bericht im Fernsehen trotz der Saukälte die Herzen der Berliner
erwärmen. Von den sozialen Medien will ich erst gar nicht reden, dort ist die Hölle los. Die lachen alle.“
„Den will ich sehen, dem es bei Kais schwülstigem Oma-Auftritt an der Pritsche noch warm wird, wenn er sich gleichzeitig bei 20 Grad minus gerade den Arsch abfriert“, funkte der Finanzsenator Stefan Evers entnervt dazwischen. „Da müssen wir ganz andere Kaliber auffahren, wenn wir jetzt noch in der CDU eine Überlebenschance haben wollen. Das Beste wäre, wir stellen das Internet bis zum Frühling ab. Dann haben wir von der Seite erst mal Ruhe.“
"Was sagen wir den Leuten, die sich jetzt schon seit Tagen nicht waschen können?", richtete Ina Czyborra, die designierte SPD-Senatorin für Gesundheit und Pflege, an die Sitzungsteilnehmer.
"Die können in den Stadtbädern von Berlin duschen", erwiderte die Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe spontan, um auch mal einen Problembeitrag beizusteuern.
"50.000 Menschen, nach 17 Geschlechtern getrennt, und dann noch unter nur 25 Duschen?", müffelte der Oberbürgermeister unwirsch über den Tisch. Seine Gesichtszüge verfinsterten sich plötzlich. "Da steigt mir garantiert die grüne Geschlechterbeauftragte aufs Dach. Und überdies: Das könnte eng werden. Nicht nur wegen des enormen Verbrauchs an Wasser. Abgesehen davon: Wer soll denn die Kosten für die Eintrittstickets und das heiße Duschwasser übernehmen?"
„Verdammt, so kommen wir nicht weiter! Lasst doch mal die Iris zu Wort kommen“, keilte Franzi zurück. „Sie hat doch gerade gesagt, sie hätte einen Einfall.“ Giffey nickte ihrer Kollegin gegenüber aufmunternd zu, die sich mit beleidigtem Flunsch und verschränkten Armen schmollend ausschwieg. Nur zu oft hatte sie erleben müssen, dass sie als Vizechefin vom Senatskollegium nicht ernst genommen wurde.
Dankbar griff Felor, Quotensenatorin mit irakischen Wurzeln, Franzis Unterstützung auf. Felor ballte ihre kleinen Fäuste fest zusammen. Ihre Miene zeigte maximale Entschlossenheit: „Wir müssen diese leidige Sache jetzt konsequent und knallhart weiterführen, wenn Kai nicht vollkommen unglaubwürdig und von der Öffentlichkeit als unqualifiziert erlebt werden soll.“
„Was heißt hier ‚erlebt werden soll‘?“, knurrte die Anti-Diskriminierungssenatorin Cansel Kiziltepe bissig. „Kai ist völlig unterbelichtet! Er ist eine Null! Das weiß in Berlin inzwischen jeder.“ Die ehemalige Vielfaltsreferentin türkischer Abstammung, schon von ihrer Herkunft wegen emotional tief mit der irakisch-stämmigen Felor verfeindet, machte auch kein Hehl daraus, was sie von dem buntaffinen Kai mit dem ausgeprägten Hang zur Vielfalt hielt, zumal sie klammheimlich und schon seit Jahren auf dessen Bürgermeisterstuhl spekulierte. Ihr Blick traf sich unvermittelt mit den zusammengekniffenen Augen des Sensenmannes, der auf dem Stuhl herumlungerte und aufreizend mit dem Daumen vorsichtig das Ergebnis seines Scharfschliffs an der Sensenklinge überprüfte.
„Was meinst du mit konsequent durchziehen?“, richtete Giffey ihre Frage an ihre Kollegin Felor.
„Das liegt doch auf der Hand! Wenn wir die AfD verhindern wollen, müssen wir den Leuten und den Unternehmen in den Kältegebieten helfen. Die brauchen Strom und Elektroenergie, um die schlimmsten Kältefolgen abzuwenden.
„Ja,
ja, ja, das weiß ich auch“, fuhr Kai ungehalten dazwischen. „Aber wir haben keine Dieselaggregate
mehr.“
Felor Badenberg begehrte jetzt wütend auf. „Dann müssen eben andere Organisationen aushelfen. Der THW, die Bundeswehr, die Feuerwehren, sie alle sollten sofort alarmiert werden, um sämtliche städtische Notstromaggregate in die Flüchtlingsunterkünfte zu bringen, die wir kriegen können, bevor unsere Gäste erfrieren.“
„Und was ist mit unseren Krankenhäusern? Den Altersheimen, den Schulen und Veranstaltungshallen? Unsere Berliner müssen sich auch notfalls mal aufwärmen können“, wies die Klimaschützerin Ute Bonde ihre Kollegin Felor zurecht.
"Ich
höre immer nur ‚Notstromaggregate‘“, nörgelte nun Gesundheitssenatorin Ina Czyborra
ungehalten. „Die Dinger stehen fast alle in der Ukraine, schließlich ist dort Krieg und gerade bitterkalt.“
„Hier auch …!“, knurrte Kai Wegner. „Meine Wähler werden mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn ihr nicht schnell zu Lösungen kommt. Sollen die Leute in ihren Wohnungen etwa Teelichter aufstellen und auf der Stelle hüpfen, damit ihnen warm wird?“
Jetzt lief Ina Czyborra zur Hochform auf. „Warum nicht? Die Bürger in unseren Nobelstadtteilen sollen sich mal nicht so haben. Den Ukrainern geht es viel schlechter als denen. Da war Solidarität gefragt. Und außerdem…“ Ina machte aus dramaturgischen Gründen eine kleine Sprechpause, bevor sie mit energischer Stimme fortfuhr: „Wir haben in Deutschland seit Jahren extreme Klimaerwärmung, Kai, schon vergessen? Da braucht in Deutschland kein Mensch Wärme-Energie und Strom aus Dieselaggregaten. Ganz im Gegenteil.“
„Deine Logik und dein Sachverstand sind unschlagbar, liebe Ina. Frieren für Selenskyj ist auch nicht gerade ein nützliches Motto, was ich in diesen Zeiten gebrauchen könnte“, brummelte Kai bockig. "Und wo ist eigentlich unser Kanzler?", warf er seine bittere Frage in die Runde. "Nie ist der da, wenn man ihn mal braucht!"
„Wer braucht schon diesen Merz? Der ist sowas von überflüssig! Wir brauchen noch einmal eine spektakuläre Aktion mit einem alten Muttchen, das wir fiktional und publikumswirksam aus dem Packeis der Spree gerettet und ins Warme gebracht haben. Das, liebe Kollegen, macht was her! Und natürlich mit allem Pipapo, versteht sich. Diese 50.000 verwöhnten Frostbeulen da draußen müssen endlich wieder Zutrauen in unsere Handlungsfähigkeit bekommen. Notfalls mit Gewalt.“ Felors Augen blitzten vor Energie und Tatendrang.
„Und wo bekommen wir ein solches Exemplar her?“, erwiderte Kai mit weinerlicher Stimme und kroch aus seinem gefühlten Jammertal.
„Wir durchkämmen sämtliche Altersheime“, schlug Giffey vor. "Am effektivsten wäre eine 95 Jahre alte und demente Seniorin, die gar nicht begreift, was passiert. Je verwirrter die Dame, desto nachhaltiger der Wählerbeifall! Der Vorteil dabei ist, sie hat eine Stunde später schon alles wieder vergessen. Das Ganze muss natürlich authentisch rüberkommen, auch unserer Glaubwürdigkeit wegen. Dann kann uns auch keiner von diesen rechtsradikalen Presse-Fuzzis wie NIUS oder Apollo etwas nachsagen."
„Na und? Und was heißt hier eine Show abziehen? Ich betrüge die Leute da draußen seit Jahren.
Ist mir bis jetzt irgendetwas Nennenswertes passiert?“ Franziska blickte Wegner
provozierend in die Augen. „Nein …!“ fügte sie triumphierend hinzu. „Also....! Und wie du
siehst, Kai, ich bin immer noch da. Aber dir, mein Lieber, dir steht das Wasser oberkanteunterlippe. Hör' dich mal im Kanzleramt um. Dort schließen sie schon Wetten ab.“
„Wir machen eine Bewerberaktion!“, schlug Stefan Evers vor, um den Streit nicht vollends eskalieren zu lassen. „Das müsste jetzt aber richtig flott gehen, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die AfD steht schon vor der Rathaustür und wartet nur darauf, hier einzuziehen.“ Evers bedachte seine Senatskollegen mit aufmunternden Blicken. "Avanti Dilettanti..."
In Wegners Miene zog wieder Hoffnung auf. "Und wer sorgt für die Presse? Ich will, dass alles, was schreiben und fotografieren kann, bei meiner offiziellen Mitleidsbekundung am Feldbett strammsteht. Ich erwarte, dass dieses Mal Berlin vor Rührung weint!" Kai machte eine Sprechpause und fügte an: "Ach, was sag' ich ..., ganz Deutschland muss weinen. Die Wähler müssen denken: Der Kai ist ein Guter! Schließlich hab' ich einer alten Dame, die Opfer einer russischen Aggression wurde, am Feldbett wieder Mut zugesprochen!" Wieder blickte er in die Runde. "Also, wer kümmert sich jetzt um diese Fernseh-Heinis?"
„Das macht die Franziska“, wies Wegner seine Kampfgefährtin an, weil sich alle wegduckten und so taten, als seien sie gar nicht anwesend. „Du machst das! Du kennst dich schließlich aus. Schließlich hast du auch schon andere Sachen versemmelt.“
„Da können die AfD-Sympathisanten mitsamt ihrem Timo und der Alice lange vor der Tür bibbern“, keifte die Innensenatorin angriffslustig. Iris Spranger rückte mit zynischem Blick ihre Brille zurecht. „Wenn Deutschland erst einmal verinnerlicht hat, dass nicht unsere linken Freunde, sondern die Russen den Brand gelegt und den Blackout verursacht haben, wünschen sich die durchgefrorenen Untertanen da draußen nur noch eins: Schadenersatz von Putin und deutsche Soldaten an die Front.“
Beifälliges Nicken in der Runde. Nur Katharina Günther-Wünsch, die neue Bildungssenatorin, blickte skeptisch drein. „Das glaubt uns doch kein Mensch“, grummelte sie sichtlich verärgert. Da müssen wir vorher dem Verfassungsschutz erst einmal mit einer klaren Ansprache deutlich machen, wer hinter diesem abscheulichen Attentat zu stehen hat, nicht dass versehentlich schon wieder unsere Genossen in Misskredit geraten.
„Papperlapapp! Vollkommen egal, ob irgendjemand irgendetwas glaubt“, fuhr Cansel Kiziltepe dazwischen. Solange die da draußen im Dunkeln tappen und mit ihren Wintermänteln und warmen Socken beschäftigt sind, bleibt ihnen ohnehin nichts anderes übrig. Hauptsache, sie wählen den Kai. Immerhin will er für die schönen Milliarden aus dem Steuertopf jede Menge neue Bäume pflanzen. Er ist wahnsinnig erfolgreich mit tollen, bunten Veranstaltungen für unsere Schwulen und Lesben. Außerdem organisiert er immer so schöne Christopher-Street-Days. Das schätzen die Leute.“
„Dann sollte irgendjemand von uns schnellstens die Ausschreibung
formulieren und publizieren, bevor uns der Mob da draußen das Leben noch
schwerer macht“, mischte sich nun auch Christian Gaebler, Stadtentwickler und chaotischer
Baudezernent, in die Diskussion ein.
„Ich habe da schon mal was vorbereitet“, preschte nun die Justizsenatorin im vorauseilenden Aktionismus nach vorn und kramte hastig einen Zettel aus ihrer Handtasche. „Die Ausschreibung sollten wir in allen seriösen Tageszeitungen schalten! Zudem entsteht ein werbespezifischer Mehrfachnutzen, wenn wir das Inserat auch im Spiegel und im Stern platzieren, wenngleich wir die Alte in Berlin suchen. Ich lese mal vor!“
Rüstige Seniorin gesucht!
Top-Arbeitgeber (Stadt Berlin) sucht per sofort eine noch lebensfähige und durchgefrorene Seniorin (Mindestalter 90), die sich auf Honorarbasis zwecks Wiederherstellung des untadeligen Rufs unseres Oberbürgermeisters aus ihrer ausgekühlten Wohnung in Sicherheit bringen lassen will.
Feldbett
in einer aufgewärmten Halle des Roten Kreuzes sowie ein Rollator (bei Bedarf) und eine heiße Erbsensuppe mit
Würstchen (klein geschnitten) werden gestellt.
Aktive Beteiligung bei der begleiteten Fotosession mit dem Oberbürgermeister und die Entgegennahme einer Rettungsurkunde mit Veilchenstrauß sowie eine offensive Dankbarkeitshaltung erwünscht.
Wir bieten nach der kommunalen Entgeltverordnung ein einmaliges Salär in Höhe von 27,93 Euro sowie einen eventuellen Spesenersatz. Ihre Bewerbungen richten Sie aus versicherungstechnischen Gründen mit lückenlosen Angaben ihrer Gebrechen an unsere Gesundheits- und Wissenschaftssenatorin Ina Czyborra. Wir freuen uns auf Ihre tatkräftige Mitwirkung bei der Wiederwahl unseres Kai Wegner.
Die Sitzung ist geschlossen! In der Miene des Sensenmannes, der bislang der Diskussion aufmerksam gefolgt war, aber geschwiegen hatte, zog ein süffisantes Grinsen auf. Sein Kandidat stand fest. Lange würde er nicht mehr warten müssen.
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