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…und gib uns täglich unsere Toten

Die Perversität unserer Medien ist nicht etwa eine rein sachliche Feststellung, sie ist gewollt und gemacht und getragen von Menschen, genauer gesagt von einer berufsspezifischen Gruppe, die maßgeblich unser Denken und Handeln beeinflusst. Doch jene Perversion wird nur noch von einer kleinen, aber nichtsdestoweniger mächtigen Gruppe übertroffen. Von unseren Staatslenkern.

 


Weshalb werden in allen Sendern täglich die Corona-Toten aufgezählt? Weshalb eigentlich nicht auch die Krebstoten, die Unfalltoten, die Kriegstoten im Jemen oder dem Iraq beispielsweise? Welche Toten sind für unsere Gesellschaft erwähnenswert und wem nützen sie? Warum erwähnt man nicht auch die Herzinfarkte, die amputierten Raucherbeine, die Lungenkarzinome oder Durchfallerkrankten, wenn wir schon bei der Übermittlung und Aufzählung schrecklicher Ereignisse sind?

Wenn ein deutscher Kanzler den Satz formuliert: Wer einen grausamen Krieg beginnt, verlässt die gesellschaftliche Gemeinschaft, ja -, spätestens dann sollte bei einigen Bürgern ein Licht aufgehen. Übrigens - ein interessanter Satz, ausgesprochen und dem Volk vortragen von einem Spar-Hirni. Seiner Idee folgend müsste er zuerst die Amis aus der Welt-Gemeinschaft ausschließen, zumal die andauernd irgendwo auf unserem Planeten Unheil mit Kriegen, Bomben und Toten anrichten. Aber dazu sagt er nichts, der Fleisch gewordene Buchhalter.

Es ist niederschmetternd, wie viele Deutsche vor dem Fernseher sitzen, und bei vollem Bewusstsein Lügengeschichten konsumieren, ohne einzige Frage zu stellen und stattdessen Teddybären kaufen und Samariter spielen. „Wir fühlen uns unseren Lesern und Zuschauern verpflichtet,“ so klingt es aus Journalistenmündern, so authentisch wie möglich aus Krisengebieten und über Killer-Operationen von Putin berichten. Hauptsache, die Leute glauben es.

Das mit der politisch erwünschten Wahrheit aufzuklärende Volk hockt gebannt vor heimischen Bildschirmen und erlebt hautnah, wie Berichterstatter 24 Stunden lang ihre Kriegs-Pflicht im fiktiven Kugelhagel erfüllen. Bewaffnet mit Kameras, Videogerätschaften und hungrigen Objektiven übermitteln sie uns gestochen scharfe Bilder, unterstützt durch fachkundige Regieanweisungen vor Ort. Wir dürfen mitfiebern, wie Kinder im Sand verrecken, Frauen in Kiew oder sonst einer ukrainischen Großstadt in Stücke gerissen werden oder Krankenhäuser filetiert werden.

Immerhin, zum Sonntagsfrühstück gibt es Toast, Orangenmarmelade und Life-Beschuss in den Frühnachrichten. Grellen Explosionsblitzen folgen dumpfe Detonationen, während der Reporter mit Splitterschutz behelmt vom Hoteldach aus, die Einschläge kommentiert. Natürlich ist weit und breit nichts zu sehen, nur eine Handvoll Passanten, die auf einer Straße gehen, als machten sie gerade einen Spaziergang. Das aber tut nichts zur Sache. Dramaturgisch wertvoll eingeblendet wird eine Fernsehkonserve aus einem lybischen Kriegsgetümmel - merkt eh keiner. Ein Feuersturm fegt über unseren morgendlichen Brunch hinweg, dass uns die Krümel der Wurstsemmel im Hals stecken bleiben.

Stundenlanges verbissenes Scharmützel, angereichert von diversen Putin-Beschimpfungen und Russenbashing, und wir sitzen in der ersten Reihe. Schweinebraten und Knödel werden hastig aufgetragen, während die hübsche Tageschausprecherin mit sensationsintonierter Stimme die gelungene Bratensauce mit Blut, Angst und Leid verfeinert. Und damit es richtig fetzt, schickt unsere Regierung hochtechnische Waffen zuhauf in die Ukraine, schließlich muss der Deutsche vorm Fernseher auch unterhalten werden.

Das Inferno brennender Ruinen garniert mit Endiviensalat. Der schauerliche Tod als Unterhaltungssendung und Quotenrenner begleitet uns ins verdiente Wochenende. Erst nach den blutigen Scharmützeln werden wir daran erinnert, dass auch in den heimatlichen Reihen 577 Corona-verblichene zu beklagen sind. Mal sehen, wie die Sache weitergeht. Vielleicht haben wir Glück, und es gibt am Montag die Fortsetzung mit einer französischen Botschaftssprengung oder einem erfolgsversprechenden Attentat auf den Papst.

Ernste, sachkundige Physiognomien erklären, der Feind – also der angreifende Russe - sei Dank einer, mit hoher Präzision abgeworfenen Splitterbombe, in den Unterleib getroffen und habe geradezu lehrbuchmäßig ins Gras gebissen. Das freut den indoktrinierten Deutschen, zumal ein verreckter russischer Soldat eigentlich selber Schuld hat. Kollateral gemeuchelt kippt er aus den Sandalen und tut den letzten Atemzug.

Stündlich neue Schreckensbilder ermöglichen uns ein grausiges Schauern auf dem kuscheligen Sofa, während unsere Politiker standardisierte Hassparolen nach Russland senden. Und damit wir auch alle eine solide Bereitschaft für eine schmerzliche Askese zeigen, frieren wir für den Frieden, ersparen uns aus Preisgründen teure Tankfüllungen, derweil unsere Kinder am Marsriegel kauen und das Massensterben wie ein Computerspiel verfolgen. Doch ob all diese Bilder und Informationen stimmen? Es darf bezweifelt werden, zumal es ums Geschäft geht.

Auch der Rubel rollt, - wenn Interviews vor Ruinenkulissen die Oma aus dem Sessel hebt. Der Fernsehteilnehmer hat Anspruch darauf, das ganze Ausmaß der Zerstörungskraft einer Rakete zu würdigen, derweil Opa in der Abendzeitung liest, dass Procter & Gamble den Lieferwettbewerb für die Soldaten über 350.000 Rollen Klopapier gewonnen hat und Pepsi mit einer Schiffsladung eisgekühlter Getränke die Soldaten sponsert. 

Medialer Voyeurismus kennt keine Grenzen. Es wird abgelichtet, festgehalten und dokumentiert, was das Zeug hält. Blut, Tränen, Angstschreie, operettenhaft inszeniert, Gefangene, Verwundete und Fliehende in Großaufnahme, verängstigt, verunsichert und taufrisch auf deutsche Bildschirme. Leichtfüßig wird die blutige Berichts-Ethik auf die gleiche schamlose Art überwunden, wie dieses Mal die Russen Menschenrechte verletzen. Die Amis? Noch halten sie sich zurück. Aber ich bin da guter Hoffnung. Und die besten Einschaltquoten haben Sender, in denen am meisten gelitten, gestorben, verwüstet und gelogen wird.

Dem Humanisten dreht sich der Magen um, nicht nur wegen der abscheulichen Bilder, nicht nur wegen des unsäglichen Leides. Die Scheinheiligkeit der Reportagen, medienwirksam verarbeitet und aufgemotzt, sie übertrifft jeden Horrorfilm, - im Namen journalistischer Pflichterfüllung mit Regieanweisungen vom politischen Olymp in Berlin. Mir graut vor der Kaltschnäuzigkeit der Kriegsparteien und den Medienmachen ebenso wie vor der Gedankenlosigkeit angeblich zivilisierter TV-Konsumenten, die überwiegend für sich in Anspruch nehmen, kritisch zu sein, aber nahezu alles für bare Münze nehmen, was man ihnen im Fernsehen und Zeitungen vorsetzt.


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