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Ich brauche noch ein paar Sätze des Mitgefühls

Jetzt kommt auch Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz in Erklärungsnöte. Sie entlarvte sich im Untersuchungsausschuss nicht nur als Mitglied einer Spezies völlig abgebrühten Politikerkaste. Ja, sie benötigte gar einen "Souffleur", der ihr Worte der Betroffenheit zuflüstert, um im Anschluss mit einstudierter Leidensmiene öffentlich ihre Bestürzung glaubwürdig vorzutäuschen.    

 


Es ist zum Kotzen, auf welche Weise unser gewähltes, politisches Personal die Bürger mit maximalem Zynismus, schamloser Arroganz und schauspielerischer Tücke hinters Licht führt. Ethik, Moral, Anstand, Ehrlichkeit, durchweg unverzichtbare Attribute, die Politiker von der Gesellschaft, der sie dienen, erwarten, ja abverlangen, jedoch für sich selbst mit selbstherrlichem Impetus den gottgleichen Maßstab beanspruchen. 

Da finden sich nach Bekanntwerden des katastrophalen Ausmaßes des Hochwassers gleich Dutzendweise hochrangige Politiker am Ort der Verwüstung ein, um mit salbungsvollen Worten des Mitgefühls das eigene Image aufzupolieren. Denn nichts eignet sich dafür besser, als massenhaftes Leid, Tod und Zerstörung, wie man auch jetzt wieder in Zeiten des Krieges erleben darf.

Wenn eine Ministerpräsidentin angesichts von knapp 200 Toten und über 700 Verletzten empathische Formulierungshilfe benötigt, um als Landesmutter "gut rüberzukommen", dann kommt das einem beinahe Mitleid erregenden Armutszeugnis gleich. Der gewöhnliche Mensch muss nur in sich hineinhören, dann weiß er was er fühlt und braucht wahrlich niemanden, um seine Emotionen zu beschreiben. Hinzu kommt bei Malu Dreyer eine geradezu bedrückende Ahnungslosigkeit der Ereignisse im Ahrtal, die nur mit ihrem Desinteresse und innerer Bagatellisierung zu erklären ist.

Durch die Flutkatstrophe im Ahrtal zieht sich eine breite Spur unerträglicher Arroganz, Ignoranz und Inkompetenz, die mit einem feixenden und amüsierten Laschet inmitten einer Trümmerlandschaft mit orientierungslos wirkenden Helfern und verzweifelten Einwohnern sozusagen "garniert" wurde. Und so mancher staatsbetreute Fersehsender trieb die "Posse" auf die Spitze, mit eigens herbeigeschaften Spaten und Schubkarren "dramatische Bilder" von selbstlos helfenden Moderatoren zu senden.

Völlig gleichgültig, um welchen politischen Verantwortungsträger es sich handelt, die unfassbar skandalöse Gleichgültigkeit und Abgestumpftheit, mimisch verpackt in perfekter Bestürzung, ist monströs und unmenschlich. Mit welchen Typen haben wir es hier eigentlich zu tun, die von Bürgern gewählt wurden? 

Mit einer Familienministerin Anne Spiegel, die sich zehn Tage nach dem schlimmsten Hochwasserunglück des Landes für vier Wochen in den Frankreichurlaub verabschiedet, einzig unterbrochen durch einen Ein-Tagestrip in die Flutregion. Mit der Umweltministerin Ursula Heinen-Esser, die lieber in Mallorca Geburtstag feierte und die halbe Landesregierung gleich zur Fete mit auf die Insel genommen hat. Einen Armin Laschet, der den Opfern und deren Familien vor Ort kondoliert und im Anschluss mit Staatsvertretern und anwesenden Meinungsbildnern witzelt. Schmierentheater live, während die Opfer an der Ahr im Dreck, in ihren Ruinen und im Schlamm versinken.

Eines wird immer deutlicher: Wir benötigen dringend ein Ministerium für Betroffenheit und Bestürzung, die bei Katastrophen, Kriegen und Pandemien unsere Minister verbal-adäquat unterstützen. Fassungslosigkeit und Mitgefühl kann man nicht einfach so nebenbei aus dem Ärmel schütteln und ausformulieren. Dazu benötigt man Profis.

Die Rechtfertigungen der Anführer unserer Gesellschaft für ihre jämmerliche Rolle beim Ahr-Desaster klingen wie ein Hintertreppenroman, die sich ein Talent befreiter Schmierendilettant ausgedacht haben könnte. "Selbstredend waren meine Gedanken immer bei den Opfern!" Oder auch: "Man habe sich sogar im Urlaub mit der Hotline auf dem neuesten Stand gehalten und an Videokonferenzen teilgenommen." Natürlich fehlten auch die unaufschiebbaren Termine nicht, die sich entweder nicht nachweisen ließen oder sich als privates Abendessen mit politischen Freunden herausstellten.

Und dann diese Hunderte von E-Mails, die bis in die tiefe Nacht beantwortet werden mussten. Bullshit! Die Reihe dubioser Ausflüchte ist lang und soll mit jedem Satz die enorme Arbeitsüberlastung als Motiv für „Nichthandeln“ dienen. Doch das Handeln dieser Polit-Mischpoke ist von ihrer scheinbaren Unantastbarkeit geprägt, mit der sie sich über fast alle gesellschaftlichen Normen hinwegsetzen.

Ob nun die bundesdeutschen Maskendeals und zahlreichen  Provisionsgeschäfte bei medizinischen Produkten während der Pandemie, ob coronale Panik-Szenarien und Todesprognosen, es scheint, als sei die gesamte politische Ebene außer Rand und Band geraten. Hinzu kommen die an Scheinheiligkeit und Verlogenheit kaum zu überbietenden Propagandaspots in den öffentlich-rechtlichen Sendern, mit denen – gleich um welches Thema es geht – die Bürger auf schlimmste Weise manipuliert und indoktriniert werden sollen. 

Was ist nur aus unserem Land geworden, in dem sich Politiker in niederschmetternden Obszönität über alles hinwegsetzen, was eine intakte Gesellschaft zusammenhält und letztendlich ausmacht? Es scheint mir besser, diese entwürdigende Entwicklung nicht zu Ende zu denken.

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