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Esoterisches Überleben im Pandemie-Zeitalter

Charismatische Prediger versprechen ihren Anhängern das Paradies auf Erden. Astrologen, Wahrsager und Kartenleger prognostizieren beruflichen Erfolg oder die neue Liebe. 



Mehr und mehr verdichtet sich bei mir der Eindruck, von Reinkarnations-Expertinnen, Pendel-Gurus und Tarot-Mystikern umgeben zu sein, die es auf meine Aura abgesehen haben und mich mit ihren dynamisch-abbaubaren Schwingungen verschmelzen wollen. Gestern konnte ich gerade noch dem hinterhältigen Karma-Anschlag einer spirituellen „Lebens-Coachin“ entkommen.

Immer öfter begegnen mir Leute mit glasigem Blick und entrücktem Lächeln, die mit dem Mantra »Liebe, Licht, Hingabe« auf den Lippen, ganze Bevölkerungsteile missionieren. Inzwischen wird sogar schon zur globalen Meditation aufgerufen, bei der mittels gemurmelten Formeln »Energie-Felder der Liebe« aufgebaut werden. Besonders Frauen ab dem 42.ten Lebensjahr, - in Scheidung mit zwei minderjährigen Kindern lebend, sind in dieser Hinsicht besonders empfänglich. Ehe sie sich versehen, werden sie von einem bärtigen Guru erleuchtet, geben sich neue Namen von nahezu kosmischer Kraft und setzen sich im Anschluss energetischen Strömen aus.

Die Folge? Die vom Leben und ihren Männern vernachlässigten Frauen mutieren zu unberechenbaren Lebensberaterinnen, erklären saftigen Rindersteaks den Krieg, trinken Bachblütentees und ernähren sich von Sojasprossen, Löwenzahnsalat oder Lichtenergie. Fortan begatten sie nur noch weichgespülte Warmduscher mit blauen Augen und samtweichem Blick.

Wehe, ein wehrloses, männliches Wesen fällt einer solchermaßen überzeugten Esoterikerin in die Hände. Er hat nichts zu lachen, besonders dann nicht, wenn sie ihn in die Mangel nimmt und es ins Eingemachte geht. Misshandlungsriten wie Kamasutra und Tantra sind die Zauberworte. Da heißt es, schnellstens sämtliche Verknotungspositionen zu verinnerlichen. Und damit es mit dem neuen Energie-Adonis auch hinhaut, trifft Frau sinnliche Vorbereitungen.

Mit zwölf mittelgroßen Kieselsteinen legt sie einen mystischen Kreis, damit alle schlechten Energien im Schlafzimmer gelöst und hinausgeschickt werden. Dann schlägt die Angebetete einen chinesischen Tempel- Gong und malträtiert kleine Klangschalen, bis das Trommelfell vibriert, um das Schwingungsfeld des Schlafplatzes zu reinigen. Sobald 46 Teelichter entzündet und das Massage-Öl erwärmt sind, ist der Raum frei von negativen Energien. 

Nun ja, ich bin skeptisch, ob sich bei mir angesichts penetrant riechender Räucherstäbchen in meiner Hose überhaupt etwas regte. Schlimmstenfalls, so wird dem fleischgewordenen Esoterik-Opfer geraten, sollte er mit Hilfe eines Schamanen zu einem verstorbenen Verwandten Kontakt aufnehmen und um Rat fragen. Natürlich ließe sich die Potenz auch in Form von Energydrinks reaktivieren, wird aber in diesem Umfeld mit Blasphemie gleichgestellt.

Ständig muss man auf der Hut sein, nicht versehentlich in einen Ashram zu stolpern. Denn dort läuft der neue Lover Gefahr, sogleich von einer militanten Esoterikerin mit der Sprache des Herzens auf einen lindgrünen Lichtpfad verfrachtet zu werden, um Sekunden später eine spirituelle Köperverschiebung zu erfahren. 

Hat er das überlebt, erreichen wir Stufe II: Die Geburtsrückführung mit dem Ziel, sich von Gefühlen und Verhaltensweisen zu verabschieden, die er von seiner Mutter während der Schwangerschaft übernommen hatte. In Stufe III erfolgen energetische Atemübungen. Duftöle werden in von tibetanischen Zeh-Mönchen in rektal geblasenen Meditationsgefäßen aus Himalaya-Kristall zum Kochen gebracht. Nach dem Ur-Schrei wird eine neue Lebensaufgabe für die arme Sau definiert. »Erkenne dein Ich und werde mit Deiner Seele eins!«

In pathologischen Fällen fahren Esoterikerinnen schwere Geschütze auf. Am Beispiel eines Investmentbankers, der sich versehentlich in eine Reki-Meisterin verliebt hat, lässt sich erkennen, dass Liebe eine emotionale Apotheose erzeugt, die, wenn sich der Nervenstau nicht auf natürliche Weise abbaut, pathogene Züge annehmen kann. Er wird binn kürzester Zeit suizidal und fragt sich, von welcher Autobahnbrücke er am besten springen könnte. In solchen Fällen bieten sich spirituelle Reinkarnationen an. Gewiss, perspektivisch gesehen sind Wiedergeburten für Esoteriker geradezu überlebensnotwendig, zumal sie jahrhundertelang Umsätze gewährleisten. In sofern ist eine Eso-Leiche auf der Autobahn eher kontraproduktiv.

Geradezu revolutionär sind Fernheilungskurse (spiritual healing) via Internet. Sobald der „Bezahlt-Button“ geklickt und die Überweisung erfolgt ist, werden automatisch die Karmen gereinigt und alle lebenswichtigen Organe des Körpers energetisiert. Hat man endlich die Stufe transzendentaler Umnachtung erreicht, bucht man einen Kurs mit einer Zehner-Karte für jeweils eine Stunde „Vergessen, Loslassen und Entspannen“. Jene Sitzungen sind nur ganz abgehärteten Damen zu empfehlen, die ihr Chakra auf Vordermann bringen wollen. Man wird 12 Stunden meditativen Sphärenklängen ausgesetzt, was in der Folge zu taoistischer Hyperventilierung führt. Anschließend folgt die kontemplative Versenkung des Ichs in Ergänzung zur sphärischen Körperarbeit und jede Menge Sex.

Nun ja, Selbsterfahrung ist ein mühevoller Weg, vor allem, wenn man ständig kopulieren muss. Zwar ist elementare Erdung dabei ist enorm aber auf die Dauer ermüdend. Diese Glückzombies mit ihren biodynamischen Energiewellen scheinen keine Ahnung zu haben, dass ich mein Über-Ich erheblich kraftsparender bei einem Fernsehkrimi mit einer Flasche guten Rotwein und bei einem Schälchen mit Nüsschen wiederfinde.

                                          

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