Eine Funkstörung bei der Deutschen Bahn haben nicht nur den Zugverkehr bundesweit zum Stillstrand gebracht, sondern auch S- und U-Bahnen in allen deutschen Großstädten. Stundenlang ging gar nichts mehr in den Bahnhöfen und auf den Bahnsteigen. Ein angebliches Softwareproblem verwandelte den Bahnverkehr in einen logistischen Friedhof.
Man könnte diesen unfassbaren Vorfall mit einem apathischen Achselzucken abtun, denn wenn es nicht die Software ist, die alles zum Erliegen bringt, sind es Stellwerksprobleme, Baustellen, Streckensperrungen, Zugausfälle aufgrund von Personalengpässen und zu viel Verkehr auf dem Gleiskörper. Ab und zu wird die Pünktlichkeit auch durch einen lebensmüden Zeitgenossen verzögert, der auf einer Brücke stehend schon stundenlang auf den angekündigten Zug aus Hannover wartet.
Doch seit heute morgen wird (Zitat des Bahnsprechers) "Schritt für Schritt" der Zugverkehr wieder aufgenommen. Ich fürchte nur, bis der Verkehr regelmäßig und fahrplanmäßig wieder fließt, müssen wir noch viel Geduld aufbringen.
Sprechen wir es doch einmal offen aus: Der aktuelle Werbeslogan der Deutschen Bahn, mit dem man unverbesserliche Autofahrer und klimafeindliche Zeitgenossen bekehren und aufs Bahngleis locken will, liest sich wie humorvoll-zynischer Gag bei Dieter Nuhr.
„Wer zügig fahren will, fährt mit dem Zug –
Intelligenter reisen mit der Bahn.“
Immerhin arbeitet die Marketingabteilung der Deutschen Bahn mit Hochdruck an griffigen Formulierungen, um die Attraktivität der Schiene zu erhöhen und durch ihre enorme Innovationstärke zu bestechen.
„Fahre für den dreifachen Preis doppelt so lange.“
Dieses Privileg dürfen aber nur Fahrgäste in Anspruch nehmen, die sich kein Deutschlandticket leisten können und deshalb mit dem Auto fahren müssen.
Christian
Anders, der blondgelockte Barde, damals noch unbestrittenermaßen männlichen
Geschlechts, hatte geradezu prophetische Fähigkeiten, als er 1972 seinen
Megahit ins Mikrophon schmachtete. Der Titel: „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo!“
So hieß die melodramatische Sentimental-Schmonzette, bei der damals noch reihenweise
die Frauenherzen dahinschmolzen und den biologischen Vermehrungstrieb der Damen
in Alarmstimmung versetzte.
So
heißt es im Text:
Es
fährt ein Zug nach Nirgendwo
Bald
bist auch du genau wie ich allein
Sag'
doch ein Wort, sag' nur ein Wort
Und
es wird alles so wie früher sein
Die
Zeit verrinnt, die Stunden gehen
Bald
bricht ein neuer Tag heran
Tempora mutantur. Wenn sich noch vor wenigen Jahrzehnten irgendein Zug aufgrund einer falschen Weichenstellung in der Pampa landete, konnte man diesem Sachverhalt noch etwas Romantisches abgewinnen. Heute sind solche Ereignisse häufig auch Ursache hemmungsloser Gewalttaten an Zugbegleitern, die nicht mehr genau wissen, wo sich ihr Zug gerade befindet und wo er ankommen wird. Kein Wunder, wenn dann ein in Panik geratener Syrer, der eigentlich um 17 Uhr 35 in Stuttgart mit einem Freund zur Durchführung eines penibel geplanten Attentats verabredet war, verzweifelt zur Axt greift, weil er seinen Anschlagstermin nicht halten kann.
Nicht auszudenken, aber dennoch der Regelfall, wenn wegen technischer Störfälle unvorhergesehene Umstiege notwendig werden. Dann sprintet man im Schweinsgalopp und 40 Kilo Gepäck in Berlin, Köln oder München von Bahnsteig 5 zum Bahnsteig 27, um den verspäteten ICE aus Dortmund zu erreichen. 500 Passagiere stürmen und quetschen sich kollektiv aus den Waggons, erreichen schweißgebadet und völlig fertig das neue Bahngleis, stellen dort aber fest, dass der besagte Regionalexpress erst übermorgen fährt und sie zum Bahnsteig 4 zurück rennen müssen. Dort wartet der ebenfalls verspätete Interregio aus Bremen, der in 2 Minuten den Bahnhof verlassen wird. Was die 500 umgestiegenen Fahrgäste noch nicht wissen: Der Bremer Zug ist bereits so überfüllt, dass er keine weiteren Passagiere mehr aufnehmen kann.
Doch bei der Bahn gibt es nichts, was nicht noch schlimmer sein könnte. Man stelle sich vor, jener sprachunkundige Syrer erreicht endlich mit vierstündiger Verspätung Stuttgart und findet sich in einer Großbaustelle wieder, die es genau genommen seit 2021 gar nicht mehr gibt. Seit 2016 irren selbst stadtkundige Hauptstadt-Schwaben hoffnungslos umher, wenn sie zwischen Bergen von Zementsäcken, herumstehenden Containern, dutzenden Planierraupen und Kränen den Ein- oder Ausgang finden wollen. Es sollte mich nicht wundern, wenn unter diesen Voraussetzungen besagter Syrer sein schändliches Vorhaben entnervt aufgeben würde.
Das Prestigeprojekt der Deutschen Bahn, - Stuttgart 21 -, steht wirklich nicht unter einem günstigen Stern, zumal man dort vorsorglich über 1.000 Kilometer Kabel falsch verlegt hat, um in Anbetracht der wirtschaftlich schwierigen Lage nicht nur die Baukosten noch einmal kräftig in die Höhe zu treiben, sondern der Fritz'schen Wirtschaftswende neue Impulse zu verleihen.
Ich wills mal so sagen: Die Regierung unter der SPD-Führung von Willy Brandt und der damalige Bundesbahnchef Wolfgang Vaerst hätten schon damals auf unseren tirilierenden Westentaschen-Siegfried hören sollen, dann hätte man damals noch rechtzeitig die Weichen für eine neue Zukunft stellen können. Jetzt wird zum vierten Mal die Fertigstellung des unterirdischen Bahnhofs verschoben und nunmehr auf 2033 avisiert, was unserem verzweifelten Syrer auch keine bessere Laune beschert.
Es ist einfach zum Mäuse melken, wenn aufgrund einer vollkommen verrotteten Infrastruktur der Deutschen Bahn unser illegal eingereister Sozialgast nicht einmal annähernd pünktlich zu seinem geplanten Anschlagsort gelangt. Von Fach- und Sachkompetenz bei den Planern der Transportbehörde – das jedenfalls sagt der Fahrgastverband PRO BAHN e.V., könne absolut keine Rede sein, wie das Beispiel des Fremdlings vom afrikanischen Kontinent zeigt.
Prompt meldete sich der ebenso fach-inkompetente Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) aus Nordrhein-Westfalen "Ich erwarte, dass die Bahn diesen Vorfall transparent und lückenlos aufklärt. Der NRW-Minister äußerte auch Kritik am Notfallmanagement der Bahn. "Hier braucht es Notfallmechanismen, die ein solches Desaster in Zukunft vermeiden. Die Schaffung eines neuen Ministeriums für Bahnverkehrs-Sicherheit ist daher unumgänglich.“ Offen gestanden hilft das unserem syrischen Staatsgast auch nicht weiter.
Doch zurück zur schon seit Jahren andauernden „dermatologischen Zwangs-Kohabitation“ in überfüllten deutschen Zügen. Wie wir Erfahrung wissen, sollten wir tatsächlich einmal einen Zug der Deutschen Bahn benutzen, wären wir, wie Christian früher wehmütig in seinem Song trällerte, keineswegs allein oder gar einsam. Vielmehr müssten wir uns - trotz bezahlter Reservierung -, einen Sitzplatz mit einem Ukrainer und zwei Marokkanern sowie deren 5 Kindern teilen, sofern wir unter Androhung von Prügel nicht mitsamt unserem Gepäck auf den Mittelgang verdrängt worden sind.
Ja, ja, ja, ist schon klar, - hinterher weiß man alles besser. Und müsste Christian Anders heute mit dem Zug von Bruck an der Mur nach Andernach reisen, würde er vermutlich seinen Liedtext überarbeitet haben. „Es steht ein Interregio, – irgendwo, im Nirgendwo…!“ Dass ein solch starrer Aggregatzustand nicht zur pünktlichen Ankunftszeit beiträgt, wird jeder nachvollziehen können. Aber das sind angesichts der Tatsache, dass Fahrpläne im Netz oder an Bahnhöfen nichts mit den tatsächlichen Ankunftszeiten unserer Züge etwas zu tun hat, lächerliche Petitessen, sofern du jäh ein menschliches Rühren verspürst und deine Notdurft verrichten musst.
Die "Not" wird von Minute zu Minute größer, aber von „Dürfen“ kann keine Rede sein. Denn die einzige funktionierende Toilette befindet sich im Wagen 18, während du im Waggon Nummer 37 ganz hinten sitzt und vor dir noch 117 Kilometer und wegen eines voranfahrenden Güterzugs noch drei Stunden Fahrzeit liegen. Dann hast du die Wahl, dich entweder unter Anwendung von Gewalt durch 19 überfüllte Waggon zu pferchen oder auf ein Wunder hoffen.
Und wer da glaubt, das sei schon alles, der irrt! Nun kommt hinzu, dass gestern ein Bahnsprecher mit Bedauern angekündigt hat, ab sofort könnte in den Speisewagen der Deutschen Bahn keine Pommes Frites mehr angeboten werden. Bis vorgestern konnte man bei eine Zwangspause am Kassler Hauptbahnhof noch gemütlich eine Zigarette schmauchen, sich anschließend an zwei Tüten durchgeweichten Pommes mit Majo delektieren und die Wartezeit genüsslich überbrücken. Damit ist es jetzt vorbei.
Die Tiefkühlschränke entsprächen
nicht mehr der von der EU vorgegebenen Norm, sodass erst alle Züge umgerüstet
werden müssten. Ein echtes Menetekel, möchte ich hier anmerken. Wenn schon
keine funktionierende Toilette, dann wenigsten knusprig gebackene Kartoffelchips. Unter diesen Voraussetzungen werde ich mich keinesfalls mehr in einen Zug setzen und nirgendwo hinfahren.
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Unicredit Santo Stefano


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