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...wie bringe ich mein Sexual-Chakra wieder auf Vordermann?

Charismatische Prediger versprechen ihren Anhängern das Paradies auf Erden. Astrologen, Wahrsager und Kartenleger prognostizieren beruflichen Erfolg oder die neue Liebe. In diesen schlimmen Zeiten von Krieg, Inflation, teurer Energie und AfD-Zuwächsen scheint die Hinwendung zu freudvollen Ablenkungen Hochkonjunktur zu haben.


Mehr und mehr verdichtet sich bei mir der Eindruck, von Reinkarnations-Expertinnen, Pendel-Gurus und Tarot-Mystikern umgeben zu sein, die es auf meine Aura abgesehen haben und mich mit ihren dynamisch-abbaubaren Schwingungen verschmelzen wollen. Gestern konnte ich gerade noch dem hinterhältigen Karma-Anschlag einer spirituellen „Lebens-Coachin“ entkommen.

Immer öfter begegnen mir Leute mit glasigem Blick und entrücktem Lächeln, die mit dem Mantra »Liebe, Licht, Hingabe« auf den Lippen, ganze Bevölkerungsteile missionieren. Inzwischen wird sogar schon zur globalen Meditation aufgerufen, bei der mittels gemurmelter Formeln »Energie-Felder der Liebe« aufgebaut werden. Besonders Frauen ab dem 42.ten Lebensjahr, - in Scheidung mit zwei minderjährigen Kindern lebend, sind in dieser Hinsicht besonders empfänglich. Ehe sie sich versehen, werden sie von einem bärtigen Guru erleuchtet, geben sich neue Namen von nahezu kosmischer Kraft und setzen sich im Anschluss energetischen Strömen aus.

Die Folge? Die vom Leben und ihren Männern vernachlässigten Frauen mutieren zu unberechenbaren Lebensberaterinnen, Färben ihre Haare mit Henna, erklären saftigen Rindersteaks den Krieg, trinken Bachblütentees und ernähren sich von Sojasprossen, Löwenzahnsalat oder Lichtenergie. Fortan begatten sie nur noch weichgespülte Warmduscher mit blauen Augen und samtweichem Blick, sofern er Tiere liebt und kein AfD-Wähler ist.

Wehe, ein wehrloses, männliches Wesen fällt einer militant-überzeugten  Esoterikerin in die Hände. Er hat nichts zu lachen, besonders dann nicht, wenn sie ihn in die Mangel nimmt und mit ihm ins Eingemachte geht. Misshandlungsriten wie Kamasutra und Tantra sind die Zauberworte. Da heißt es, schnellstens sämtliche Verknotungspositionen zu verinnerlichen, einschließlich Trampolinübungen. Und damit es mit dem neuen Energie-Adonis auch hinhaut, trifft Frau sinnliche Vorbereitungen.

Mit zwölf mittelgroßen Kieselsteinen legt sie einen mystischen Kreis, damit alle schlechten Energien im Schlafzimmer gelöst und hinausgeschickt werden. Dann schlägt die Angebetete einen chinesischen Tempel-Gong und malträtiert mit einem Holzklöppel kleine Klangschalen, bis das Trommelfell vibriert, um das Schwingungsfeld des Schlafplatzes zu reinigen. Sobald 46 Teelichter entzündet und die Massage-Öle erwärmt sind, ist der Raum frei von negativen Energien.

Schlimmstenfalls, so wird dem fleischgewordenen Esoterik-Opfer geraten, sollte er mit Hilfe eines Schamanen zu einem verstorbenen Verwandten Kontakt aufnehmen und um Rat fragen. Natürlich ließe sich die Potenz auch in Form von Energydrinks und ein paar blaue Pillen reaktivieren, wird aber in diesem Umfeld mit Blasphemie gleichgestellt.


Nun ja, der Weg ist das Ziel. Bis man endlich auf der Chakra-Ebene "Muladhara" angekommen ist, heißt es ackern. Ohne professionelle Anleitung geht da garnix. Notfalls bucht man eine Reise nach Indien, um dort gemeinsam mit einem obskuren Bhagwan in dessen buddhistischen Schrein ein paar Verse aus dem Hare Krishna absingt, damit man alle Stufen der 6 Chakren heil übersteht. Das kostet natürlich extra.

Schon deshalb muss man auf der Hut sein, nicht versehentlich in einen Ashram zu stolpern, der einem teuer zu stehen kommen kann. Denn dort läuft der neue Lover Gefahr, sogleich von einer dominanten Esoterikerin mit der Sprache des Herzens auf einen lindgrünen Lichtpfad verfrachtet zu werden, um Sekunden später eine spirituelle Köperverschiebung zu erfahren. Hat das männliche Opfer das überlebt, erreichen wir Stufe II: Die Geburtsrückführung mit dem Ziel, sich von Schuldgefühlen und verklemmten Verhaltensweisen zu verabschieden, die er von seiner Mutter während der Schwangerschaft übernommen hatte. 

In Stufe III erfolgen energetische Atemübungen. Duftöle werden in von tibetanischen Zen-Mönchen mit rektal geblasenen Meditationsgefäßen aus Himalaya-Kristall zum Kochen gebracht. In Ausnahmefällen tuts auch die Blumenvase von Tante Hedwig aus Oer Erkenschwick. Nach dem Ur-Schrei wird eine neue Lebensaufgabe für die arme Sau definiert. »Erkenne dein Ich und werde mit deiner Seele eins!«

In pathologischen Fällen fahren Esoterikerinnen schwere Geschütze auf. Am Beispiel eines Investmentbankers, der sich versehentlich in eine Reki-Meisterin verliebt hat, lässt sich erkennen, dass Liebe eine emotionale Apotheose erzeugt, die, wenn sich der Nervenstau nicht auf natürliche Weise abbaut, pathogene Züge annehmen kann. Er wird suizidal und fragt sich, von welcher Autobahnbrücke er am besten springen könnte. In solchen Fällen bieten sich Reinkarnationen an. Gewiss, perspektivisch gesehen sind Wiedergeburten für professionelle Esoteriker geradezu überlebensnotwendig, zumal sie jahrhundertelang Umsätze gewährleisten.

Geradezu revolutionär sind Fernheilungskurse (spiritual healing) via Internet. Sobald der „Bezahlt-Butten“ geklickt und die Überweisung erfolgt ist, werden automatisch schädliche Karmen gereinigt und alle lebenswichtigen Organe des Körpers energetisiert. Hat man endlich die Stufe transzendentaler Umnachtung erreicht, bucht man einen Kurs mit einer Zehner-Karte für jeweils eine Stunde „Vergessen, Loslassen und Entspannen“. Jene Sitzungen sind nur ganz abgehärteten Teilnehmern zu empfehlen, die ihr Genital-Chakra auf Vordermann bringen wollen. Man wird 12 Stunden meditativen Sphärenklängen ausgesetzt, was in der Folge zu einer taoistischen Hyperventilierung und einem spirituellen Blackout führt.

Anschließend folgt die kontemplative Versenkung des Ichs in Ergänzung zur sphärischen Körperarbeit und jede Menge Sex. Es gibt neuerdings hierfür auch Anleitungen, die Orgasmen zu optimieren. Das Swadhisthana Chakra findet sich etwa eine Handbreit unter dem Bauchnabel, auf Höhe der Lendenwirbel gleich unterhalb des Muladhara Chakras (siehe Abbild oben).Weshalb das wichtig ist und was man damit anstellen soll – keine Ahnung. Jedenfalls soll sich dort angeblich alles Fließende für die Reinigung befinden.

https://www.yogabox.de/blog/swadhisthana-chakra-das-sexualchakra-oder-sakralchakra/

Nun ja, Selbsterfahrung ist ein mühevoller Weg, vor allem, wenn man ständig kopulieren muss. Zwar ist die elementare Erdung dabei enorm, aber auf die Dauer ermüdend. Zugegeben, ich bin in dieser Hinsicht bodenständiger, was Selbsterfahrungsorgien, Schmetterlingsgefühle und Glücksmomente angeht.  Klangschalen beim Sex turnen mich komplett ab, und hinsichtlich der Verlässlichkeit von Re-Inkarnationsriten zu misstrauisch, wie ich festgestellt habe. Schwamm drüber. 

Diese Glückszombies mit ihren biodynamischen Energiewellen und veganer Ernährung scheinen keine Ahnung zu haben, dass ich mein Über-Ich erheblich kraftsparender bei einem Fernsehkrimi mit einer Flasche guten Rotwein und bei einem Schälchen mit Nüsschen wiederfinde. Aber wenigstens wissen nun meine Leser endlich, wo es lang geht und was wirklich bedeutsam im Leben ist.

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Kommentare

  1. Da hatte man Jahrzehnte lang einen Mann aus Indien neben sich im Bett und der erzählt einem nix davon. (Hatte wahrscheinlich selbst keine Ahnung.)

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    1. Eine artgerecht durchgeführte Beutelmassage hätte ihn schon zum Sprechen gebracht.

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